Landrat Bake reagierte eher erfreut als bestürzt auf diese Entscheidung: ,,Bei den au¬ genblicklich schlechten Absatzverhältnissen würde ein Ausstand der Bergverwaltung kaum sehr unerwünscht kommen, die Bergleute würden über kurz oder lang doch nachgeben müssen “6. ,,Der Bergbehörde würde damit in vieler Hinsicht ja nur gedient sein“7, meinte auch sein Ottweiler Kollege von Harlem — in der Konsequenz aus¬ nahmsweise einer Meinung mit dem „Boten von der Saar“, der davor warnte, „sich jetzt in einen Strike treiben zu lassen“8; ein Ausstand sei zwar berechtigt, wegen der Geschäftslage und der Schwächung des RSV jedoch „augenblicklich unmöglich“9. Selbst Velsen rechnete noch am 24. Dezember höchstens mit Teilstreiks10. Lediglich die Warndtbergleute sprachen sich explizit gegen einen Arbeitskampf aus, da sie die Schließung der Grube Geislautern befürchteten11. In Altenwald12, Heuswei¬ ler13, Dudweiler14 und Bildstock15 17 hingegen befürwortete man noch vor Weihnachten den Streik, falls die Arbeitsordnung bis 1. Januar nicht geändert sei. Damit hatten wichtige Bergarbeiterorte entschieden — allerdings in indirekten Abstimmungen und ohne über einen genauen Ausstandsbeginn zu befinden. Am 18. Dezember kam es in Malstatt zu den ersten gewaltsamen Auseinandersetzungen, als Schillo inhaftiert wer¬ den sollte: „Ungefähr 50—70 Bergleute beteiligten sich daran. Mehrere Bergleute wa¬ ren bereits verhaftet, wurden jedoch durch die Menge den Schutzleuten entrissen<cl6. Unmittelbar nach Weihnachten erließ Warken den Streikaufruf: „Die Zeit zum direk¬ ten Handeln ist nun gekommen. An Euch liegt es nun, ob Ihr zu Grund gehen wollt oder nicht... Erkenne nun die Macht, Du Bergmann, Du bist die Krone der Arbeiter. Wenn Dein starker Arm nicht will, dann stehen alle Räder still“17. Zwei von etwa 4000 Bergarbeitern besuchte Bildstocker Versammlungen am 28. Dezember 1892 setzten daraufhin den folgenden Tag als Beginn des Arbeitskampfes fest. „Schon 3 Jahre peti- tioniren wir, haben aber nichts erlangt. Was wir 1889 erlangt, ist uns wieder genom¬ men. Es heißt Bergmann hilf dir selber, so hilft dir Gott“18 19, nahm Warken Abschied vom „Neuen Kurs“. Dessen Legitimationsrahmen war hinfällig geworden, doch als Orientierungsmaßstab blieb er nach wie vor existent. „Nach dem Sinne, den Worten Seiner Majestät ist sie nicht ausgefallen“'9, äußerte selbst Thome in dieser Versamm¬ lung über die Arbeitsordnung. Am folgenden Tag begann der umfangreichste und längste Streik an der Saar im 19. Jahrhundert. 6 475 Bergleute der Inspektionen Von der Heydt, Dudweiler, Heinitz, 6 LR Bake/SB an RP vom 9. 12. 1892, Konzept KrASB S/7, Ausfertigung LHAK 442/4250. 7 LR Harlem/OTW an RP vom 22. 12. 1892, LHAK 442/4250. 8 Bote von der Saar vom 24. 12. 1892 (Nr. 52). 9 Bote von der Saar vom 17. 12. 1892 (Nr. 51). 10 LR Bake/SB an RP vom 26. 12. 1892, Konzept KrASB S/7, Ausfertigung LHAK 442/4250. 11 BM Poller/Ludweiler an LR vom 23. 12. 1892, KrASB S/7. Gendarm Zech/VK an LR vom 23. 12. 1892, ebd. 12 Gendarm Hübner/Altenwald an LR 24. 12. 1892, ebd. 13 BM Cloos/Heusweiler an LR vom 12. 12. 1892, ebd. 14 PK Wetzel an BM Petermann/Dudweder vom 19. 12. 1892, ebd. Vgl. Bgmfr. vom 28. 12. 1892 (Nr. 88). 15 BM Forster/Friedrichsthal an LR vom 23. 12. 1892, Konzept SAFR, Best. RSV, 384 -387, Abschrift LHAK 442/4250. 16 Bgmfr. vom 20. 12. 1892 (Nr. 86). Verhandlungsprotokoll PK Körner/Malstatt-Burbach vom 18. 12. 1892, KrASB S/7, Abschrift LHAK 442/4250. Vgl. RZ vom 24. 12. 1892 (Nr. 77). 17 Exemplar SAFR, Best. RSV, 388. 18 Stenographische Mitschrift vom 28. 12. 1892, ebd., 389 — 391, Zitat S. 391. 19 Ebd., S. 389. 289