„An die Bergleute des Saarreviers“ wandte sich Dasbach am 31. Mai gegen die „Völk- linger Beschlüsse“: „In dem Auszuge heißt es nämlich immer: ,soll', ,sollen', ,müssen'. Die Bergleute sind Untergebene der Bergwerksbehörde; ein Untergebener hat nicht das Recht, zu den Vorgesetzten in solchem Tone zu reden, sondern er darf nur sagen: ,Ich bitte'“. Gleichzeitig verurteilte er die „vielen Versammlungen“, da „die beständige Besprechung der Beschwerden eine nachtheilige Beunruhigung hervorbringt“ 33 35. Auch dieser Schwenk dürfte sich nicht ohne sanften Druck aus Trier vollzogen haben. Am 23. April 1890 ersuchte Berlepsch jedenfalls den Oberpräsidenten Nasse, Korum zu bewegen, „auf den Kaplan Dasbach und die sonstigen in der ultramontanen Presse des dortigen Bezirks thätigen Geistlichen in vertraulicher Weise eine Einwirkung dahin auszuüben, daß diese Agitation aufhört und daß der Einfluß der katholischen Geistlich¬ keit in positiver Weise für eine Versöhnung der Gegensätze zwischen Bergwerksbesit¬ zern und Bergleuten verwerthet wird“M. Berlepsch wiederholte hier fast die Aufforde¬ rung Leos XIII. aus dessen drei Tage zuvor verfaßtem Breve an den Kölner Erzbischof, wonach es Aufgabe der Bischöfe sei, „die Uneinigkeiten zwischen den Klassen und Ständen beizulegen“^. Unter dem Pseudonym Herbert Freimuth unternahm es wohl wiederum Pfarrer La¬ ven, die päpstlichen Intentionen, den „Neuen Kurs“ und die Forderungen der Saar¬ bergleute unter einen Hut zu bringen. Seine Erzählung „Kaiser und Arbeiter“ erschien im Sommer 1890 im Verlag der „Neunkircher Volkszeitung“36. Ein Berliner Gelegen¬ heitsschriftsteller „Doktor Kurt“ bereist darin das Saarrevier, um die sozialen Mißstän¬ de zu eruieren — Wilhelm II. im literarischen Vexierspiegel als Arbeiterkaiser und ret¬ tender Erzengel zugleich. Trotz dieser unschwer erkennbaren Absicht wurde das Pamphlet am 8. Oktober 1890 beschlagnahmt37, da es den Inhalt des verbotenen „Sang von Lao Fumtse“ partiell referierte38. Obwohl auch Dasbach unablässig zum sozialen Frieden auf der Grundlage des „Neuen Kurses“ mahnte, blieb er der „bestgehaßte Mann im ganzen Saarrevier“39. „Niemand hat derselben (der Sozialdemokratie, d. V.) in unserer Gegend mehr Vorschub geleistet als der Kaplan Dasbach, und zwar ebensosehr durch seine hetzerische Thätigkeit, als durch seine gänzlich mißglückten Versuche, hinterher durch hohle Tiraden dieselben Neigungen bekämpfen zu wollen, zu deren Eindringen in die Massen er am meisten beigetragen hat“40. Was auf den ersten Blick als geistiger Salto des „Saarbrücker Ge¬ werbeblatts“ erscheint, besaß seine immanente Logik. Hinter derartigen Anwürfen versteckten sich nicht nur die alten Kulturkampfängste, vor allem manifestierte sich hierin die unterschiedliche Interpretation des „Neuen Kurses“. Liberale und Konserva¬ tive an der Saar vertraten nach wie vor die Ansicht, „wer die Sozialdemokratie . . . wirksam bekämpfen wolle, müsse zunächst die Autorität der Obrigkeit hochhal¬ 33 SJVZ vom 31. 5. 1890 (Nr. 124). Vgl. Brandt, S. 77. Auch Fusangel riet dem „Alten Ver¬ band“ an der Ruhr, die Beiträge nur halbjährig einzuziehen, um unnütze Versammlungen zu vermeiden, Oldenberg, S. 952. 34 HM Berlepsch an OP/Koblenz vom 23. 4. 1890, LHAK 403/7028, 237 f. 35 C. Braun, S. 16. 36 Exemplare KrASB S/5, LHAK 442/4304, 133 -140, SAFR, Best. RSV, 265. Am 13. Juli 1890 erstmals in Gersweiler verteilt, BM Mainz/Gersweiler an LR vom 14. 7. 1890, KrASB S/6. 37 SJZ vom 11. 11. 1890 (Nr. 265). 38 LR Tenge/OTW an RP vom 25. 8. 1890, LHAK 442/4304, 285-288. 39 TLZ vom 2. 9. 1890 (Nr. 241). 40 SGB vom 12. 10. 1890 (Nr. 41). Ähnlich SBZ vom 19. 4. 1890 (Nr. 91). 220