Wilhelm II. ging es nicht um die Abkehr von der bisherigen Repressivpolitik, ange¬ sichts der bevorstehenden Reichstagswahlen wollte er ihr lediglich mehr moralische Rückendeckung verschaffen. In der Wahl der Mittel unterschied er sich von Bismarck, nicht aber im geistigen Fundament. Sein Traum vom ,,roi des gueux“ implizierte pa¬ triarchalische Fürsorgepolitik, mit sozialer Gleichberechtigung hatte er nichts gemein. Mit Karl Erich Born muß man in dieser Vorstellung „ eine soziale Verschleierung seiner Tendenz sehen, selbst zu regieren“6. Die ,,Arbeiterfrage“ war für Wilhelm II. vorran¬ gig das Vehikel, sich aus dem Schatten seines Kanzlers zu lösen, der Anlauf zur Errich¬ tung eines ,,persönlichen Regiments“, eines ,,populären Absolutismus“, wie Bismarck spottete7 9. ,,Voluntas regis suprema lex“, schrieb er ein Jahr später ins Goldene Buch von München“. In der Kronratssitzung am 24. Januar 1890 trug Wilhelm II. seine Pläne dem Staatsmi¬ nisterium vor und bezeichnete die betriebliche Sozialpolitik von Krupp und Stumm ex¬ plizit als Vorbild. Bismarck meinte zwar, es sei,,nicht unbedenklich, zur Zeit der Wah¬ len so weitreichende und aufregende Fragen aufzuwerfen“^, doch durch den kaiserli¬ chen Wunsch nach einer Verkündigung seines Sozialprogramms war er nunmehr der Möglichkeit beraubt, seine entgegengesetzte Meinung öffentlich zu äußern10. Die letzt- liche Entscheidungsbefugnis des Königs und die Kollegialverfassung des preußischen Staatsministeriums ließen ihm nur die Wahl zwischen Demission oder heimlicher Ob¬ struktionspolitik 11. Am folgenden Tag zerbrach das Kernstück der Innenpolitik mit der Ablehnung des So¬ zialistengesetzes 12, das nach Bismarcks Vorstellungen künftig auch auf Bergarbeiter¬ streiks Anwendung finden sollte13. In dieser Situation ging der Kanzler auf Konflikt¬ kurs. Am 26. Januar nahm er seinen Abschied als preußischer Handelsminister, emp¬ 6 K.E.Born, S. 28. Vgl. Teuteberg : Geschichte der industriellen Mitbestimmung, S. 368. , ,In der Arbeiterfrage ist der Kaiser empört, daß der Kanzler mit ruhigem Blut die Armee mi߬ brauchen will, um auf die Arbeiter zu schießen, und meint, der Kanzler wolle ihm auch hier den Ruhm, diese große Frage selbst geregelt zu haben, aus der Hand nehmen“, notierte Wal- dersee am 25. Januar 1890, Meisner (Hrsg.): Denkwürdigkeiten, Bd. 2, S. 97. 7 Otto von Bismarck: Gesammelte Werke (Friedrichsruher Ausgabe), Bd. 15, Berlin 1935, S. 495. „Seine Majestät muß sich erst eine Stellung machen, die keineswegs identisch ist mit der ererbten H er sch er Stellung“, schrieb die „graue Eminenz“ Holstein am 27. Januar 1890 an Eu¬ lenburg, zit. bei Röhl, S. 36. 8 K. E. Born, S. 28. 9 Protokoll der Kronratssitzung vom 24. 1. 1890, abgedruckt bei Eppstein, S. 133 — 140, und Hohlfeld, Bd. 1, S. 457 — 461. Vgl. Robert Freiherr Lucius von Ballhausen: Bis¬ marck-Erinnerungen, 4. Aufl. Stuttgart-Berlin 1921, S. 506 — 509. 10 Wilhelm S c h ü ß 1 e r : Bismarcks Sturz, Leipzig 1921, S. 101 — 109. Hans Ro t h f e 1 s : Theodor Lohmann und die Kampfjahre der staatlichen Sozialpolitik (1871 — 1905) (= Forschungen und Darstellungen aus dem Reichsarchiv, Bd. 6), Berlin 1927, S. 96 — 110. K. E. Born, S. 20 — 28. Vgl. Hans Rothfels: Prinzipienfragen der Bismarckschen Sozialpolitik, Königs¬ berg 1929. Heinrich Heffter: Bismarcks Sozialpolitik, in: ASG 3 (1963), S. 141 —156. 11 Vgl. Ernst Klein: Funktion und Bedeutung des preußischen Staatsministeriums, in: Jahr¬ buch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands 9/10 (1961), S. 195 — 261. 12 Vgl. Bismarcks Sturz, S. 317 — 328. Wolfgang Pack: Das parlamentarische Ringen um das Sozialistengesetz Bismarcks 1878 — 1890 (= Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Bd. 20), Düsseldorf 1961, S. 207 ff. 13 „Schon für die zu erwartenden neuen Arbeitseinstellungen in den Kohlendistrikten werde die Befugnis, die Agitatoren aus diesem Distrikte entfernen zu können, sehr wertvoll sein“, stellte Bismarck in der Kronratssitzung am 24. Januar 1890 fest, Protokoll abgedruckt bei Hohl¬ feld, Bd. 1, S. 457 - 461, Zitat S. 460. 181