len Sozialdemokratie. An der Spitze standen die beiden Schustergesellen Philipp Keidel aus Frankenthal und Gustav Ross aus Erfurt52 53. Der Speyerer Regierungspräsident von Braun sah den Hauptzweck des neuen Vereins in der Ausdehnung der Agitation auf den Zweibrücker Raum ,,und von dort wiederum besonders auf St. Ingbert“^. ,,Die Stimmung sei gut, allein es sei bis jetzt noch keiner dagewesen, der was gesagt“, meinte Keidel in Pirmasens nach einem Besuch in St, Ingbert54. Bei der ersten sozialdemokra¬ tischen Versammlung in St. Ingbert mit dem Pirmasenser Reichstagskandidaten Lud¬ wig Mayer am 8. Dezember 1889 fanden sich 40 Besucher ein, ,,darunter allerdings einzelne als Führer bekannte Bergleute. Dieselben hielten sich jedoch abseits von den Pirmasensern“55 56. Ross bedauerte den schlechten Besuch und verschob die Versamm¬ lung. „Nach dem Bericht des Kgl. Bezirksamtes Zweibrücken besteht in St. Ingbert we¬ nig Aussicht auf die Bildung einer sozialdemokratischen Parteigruppe, selbst bei weite¬ ren Versuchen seitens der Pirmasenser Parteileitung; insbesondere seien sich die Berg¬ leute genau bewußt, daß sie durch Anschluß oder auch nur durch Hinneigung zu sozial¬ demokratischen Bestrebungen des bisherigen Wohlwollens aller Behörden verlustig ge¬ hen würden“^, resümierte Braun diesen Vorstoß. Die verschobene Versammlung wurde am 19. Januar 1890 mit 300 Besuchern nachgeholt; bei der Abstimmung bekann¬ ten sich 25 von ihnen offen zur Sozialdemokratie57. Eine weitere Versammlung in St. Ingbert am 9. Februar mit Franz Josef Ehrhart als Redner unterstützte die Reichstags¬ kandidatur Ludwig Mayers58. Bei der Reichstagswahl am 20. Februar 1890 errangen die Nationalliberalen wiederum alle 6 pfälzischen Mandate. Doch hinter diesem Wahlsieg verbarg sich ein starkes An¬ wachsen der sozialdemokratischen Stimme selbst in Bezirken, die bisher kaum von der Agitation berührt worden waren. Im westpfälzischen Wahlkreis Zweibrücken/Pir- masens stieg die Zahl der sozialdemokratischen Wähler von 27 (1887) auf 1 995 (1890). Speziell in St. Ingbert stimmten 267 Wähler für die SPD, 598 für das Zentrum und 526 für die Nationalliberalenr’9. Die harte Reaktion von Bergverwaltung und staatlichen Behörden gegenüber den Organisationsbestrebungen der St. Ingberter Bergleute hatte wohl hier ihre Wurzel. Im Reichsmaßstab bedeutete die Wahl am 20. Februar 1890 einen politischen Erd¬ rutsch: Freikonservative und Nationalliberale verloren jeweils ein Drittel ihrer Stim¬ men. Das Zentrum besaß jetzt die bei weitem stärkste Reichstagsfraktion und damit ei¬ ne parlamentarische Schlüsselstellung. Den größten Sprung nach vorn machte jedoch die Sozialdemokratie, die ihre Stimmenzahl nahezu verdoppelte und mit 19,7% zur stärksten Partei wurde; trotz Sozialistengesetz hatte die SPD ihren Einfluß auf bisher unangreifbare Gebiete ausgedehnt60. 52 Bezirksamt Pirmasens an RP/Speyer vom 3. 12. 1889, LASP H 3/929/II. RP Braun/Speyer an bayrisches IM vom 3. 10. 1889, LASP H 3/932/IX. E. Schneider, S. 108. 53 RP Braun/Speyer an bayrisches IM vom 3.1. 1890, LASP H 3/932/IX. 54 Pirmasenser PK an Bezirksamt ZW vom 3. 12. 1889, LASP H 3/929/11. 55 RA Kollmar an Bezirksamt ZW vom 9. 12. 1889, ebd. Auch E. Schneider, S. 109, erwähnt die Versammlung. 56 RP Braun/Speyer an bayrisches IM vom 3. 1. 1890, LASP H 3/932/IX. 57 Bezirksamtmann Schlagintweit/ZW an RP/Speyer vom 20. 1. 1890, LASP H 3/941. 58 LR Tenge/OTW an RP vom 12. 2. 1890, LHAK 442/6694, 327 f. Tenge an LR/SB vom 22. 2. 1890, KrASB S/5. Tenge an RP vom 5. 4. 1890, LHAK 442/4169. 59 E. Schneider, S. 115. 60 Mommsen, S. 78 — 97. Bismarcks Sturz, S. 354 — 357. Fr icke: Organisation, S. 110. D er s . : Arbeiterbewegung, S. 255. Zum Anstieg der Sozialdemokratie in den 6 Wahlkreisen des Ruhrgebiets vgl. Fritsch, S. 115 f. 179