mentierte Fischer noch auf dem Niveau des Kulturkampfes. In Riegelsberg beispiels¬ weise griff er den Papst an und meinte, Windthorst wolle ein katholisches Kaiserhaus. Angesichts solcher Äußerungen kamen selbst Landrat zur Nedden Bedenken wegen des konfessionellen Friedens27. Für die Führer des RSV aber galt Fischer als „von den Industriebesitzern gedungen und dafür bezahlt, um die Arbeiter im Saarrevier uneinig zu machen“28. Die evangelischen Arbeitervereine dehnten sich an der Saar nur langsam aus. Der Etzenhofener Verein ging ein, dafür kam am 16. Februar 1890 ein Ortsver¬ band in Dudweiler mit 234 Mitgliedern dazu29. Die nunmehr sechs Vereine in Fried¬ richsthal, Dudweiler, Riegelsberg, Ludweiler, Neudorf und Gersweiler zählten im Sommer 1890 gerade 809 Mitglieder30. Am 26. Oktober 1890 vereinigten sie sich zum ,, Verband der evangelischen Arbeitervereine der Saargegend“, ein bewußter Schritt zur Begegnung der ,,sozialdemokratischen Gefahr“ nach der gerade erfolgten Aufhe¬ bung des Sozialistengesetzes31 33. Vorsitzender wurde der Friedrichsthaler Pfarrer de Wyl, zum Sitz des Verbandes bestimmte man Dudweiler. Die bisherigen Statuten über¬ nahm man, setzte aber den als Antisozialistenklausel zu verstehenden Satz hinzu: „Die Mitglieder des Vereins stehen treu zu Kaiser und Reich“22. 1891 expandierte der Ver¬ band: Neue Vereine entstanden in Saarbrücken53, St. Johann34, Ottenhausen35, Sulz¬ bach und Ottweiler36. In Neunkirchen hingegen kam es nicht zur Bildung eines generellen Arbeitervereins; statt dessen gründete man hier einen ,,Evangelischen Knappenverein“, da Stumm aus Gründen des konfessionellen Friedens keine Organisierung seiner Arbeiter duldete — ein Argument, hinter dem sich die ,,prinzipielle Gegner(schaft) jeder Art von Arbeiter¬ organisation“ versteckte, wie Pfarrer Lentze später mutmaßte37 38. Bereits Ende 1889 war es zum ersten Zusammenstoß mit Stumm gekommen. Im ,,Evangelischen Wochen¬ blatt“ hatte Lentze geschrieben: „Wir stehen in einer großen Krisis; wie der sog. dritte Stand sich vor 100 Jahren die Gleichberechtigung erwarb und errang, so ringt gegen¬ wärtig der vierte Stand nach demselben Ziele“28. Daraufhin verbot Stumm die weitere Verteilung des ,,Evangelischen Wochenblattes“ in seinen Wohlfahrtsanstalten und drohte dem Drucker Ohle mit einer Anklage wegen „Staatsgefährlichkeit“. Erst nach 27 Dto. vom 27. 5. und 26. 6. 1890, Konzepte Kr ASB S/6, Ausfertigungen LHAK 442/4420, 233-250, 423 -428. 28 Thome in einer Völklinger Bergarbeiterversammlung am 10. 8. 1890, Gendarm Hellmuth an LR vom 11.8. 1890, KrASB S/5, Abschrift LHAK 442/4304, 247 f. 29 BM Petermann/Dudweiler an LR vom 19. 2. 1890, KrASB S/4. NVZ vom 18. 2. 1890 (Nr. 40). Saarn, S. 238, datiert die Dudweiler Gründung fälschlicherweise auf 16. 3. 1887. 30 LR zur Nedden/SB an RP vom 16. 6. 1890, LHAK 442/6385, 559 — 563. Zahlenmäßige Auf¬ stellung auch bei Saarn, S. 238. 31 EW vom 2. 11. 1890 (Nr. 44). Vgl. den Aufruf des provisorischen geschäftsführenden Komi¬ tees des Gesamtverbandes in EW vom 30. 11. 1890 (Nr. 48). 32 Pfarrer de Wyl/Friedrichsthal an LR vom 10. 12. 1890, KrASB S/3. Laut de Wyl zählte der Saarverband damals 1010 Mitglieder. 33 Statuten und Mitgliederverzeichnis vom 18. 3. 1891, SASB, Best. BMA SB, Nr. 1755. EW vom 8. 3. 1891 (Nr. 10). 34 Verzeichnis der politischen Vereine im Regierungsbezirk Trier vom 14. 4. 1891, LHAK 403/ 6863, 234 f. 35 EW vom 8. 3. 1891 (Nr. 10). 36 Saarn , S. 239. Am 1. Verbandsfest am 19. 7. 1891 in Dudweiler nahmen 12 Vereine teil, EW vom 26. 7. 1891 (Nr. 30). 37 Freiherr von Stumm-Halberg und die evangelischen Geistlichen im Saargebiet, S. 28, Stumms diesbezügliche Erklärung ist abgedruckt bei Hellwig: Stumm, S. 538 f. 38 EW vom 22. 12. 1889 (Nr. 51). 134