obersten Bergherrn, seines wohlwollenden und arbeiterfreundlichen Königs, warm für ihn schlägt“'7. Nach den Februar-Erlassen kannte die Begeisterung für das ,,sociale Kö¬ nigtum“ keine Grenzen mehr; Stoecker fand dafür die prägnante Formulierung: „ Wir wollen der Social-Demokratie die Social-Monarchie entgegenstellen“1S. Am 17. April 1890 wandte sich der evangelische Oberkirchenrat mit einem Erlaß an die Geistlichen der Landeskirche - eine ,,kirchenamtliche Parallelisierung der staatlichen Initiative“'^, wie Günther Brakeimann treffend feststellte. Denn Wilhelm II. persönlich hatte Kul¬ tusminister Gossler veranlaßt, der evangelischen Kirche in einem Erlaß vom 20. März 1890 die stärkere Hinwendung zur sozialen Frage zu empfehlen; der Oberkirchenrat übernahm daraufhin diesen Text17 20. Der Erlaß attestierte eine ,¡Erkrankung der Volks¬ seele“: ,,Verbesserung der äußeren Lage, nicht des inneren Lebens ist’s, was man er¬ strebt“2'. Die Schuld daran schob man der Sozialdemokratie zu. Um dieser Herausfor¬ derung zu begegnen, befürfe man ,¡keiner neuen Mittel“21. Es komme aber darauf an, die Innere Mission zu intensivieren. In diesem Zusammenhang wurde auch ,,die in ra¬ scher Entwicklung begriffene Bildung von Arbeitervereinen aufs angelegentlichste emp¬ fohlen“22 23. Bereits einen Monat nach diesem Erlaß fand in Berlin der erste ,,Evangelisch- Soziale Kongreß“ statt, der sich ebenfalls für die Förderung von evangelischen Arbeiter¬ vereinen mit deutlicher antisozialdemokratischer Zielsetzung aussprach24 26. Auf Anre¬ gung dieses Kongresses erfolgte am 6. August 1890 in Erfurt die Gründung des ,,Ge¬ samtverbandes der evangelischen Arbeitervereine Deutschlands“2^. An der Saar selber ließen die evangelischen Arbeitervereine 1890 ,,wenig oder gar nichts mehr von sich hören“2b, wie Landrat zur Nedden nach Trier berichtete. Um diesen Zu¬ stand zu beenden, bereiste Ludwig Fischer, der Verbandsagent der evangelischen Ar¬ beitervereine im Rheinland und Westfalen, im Mai und Juni das Saarrevier. Doch seine Vorträge zur Gründung weiterer Vereine wurden nur schwach besucht. Überdies argu¬ 17 EW vom 3. 11. 1889 (Nr. 44). Ähnlich euphorisch EW vom 22. 12. 1889 (Nr. 51) und 11. 5. 1890 (Nr. 19). 18 EW vom 29. 6. 1890 (Nr. 26). 19 Brakei mann: Kirche, soziale Frage und Sozialismus, Bd. 1, S. 40. Der Erlaß ist ebd., S. 86 — 90, abgedruckt. Vgl. EW vom 11. 5. 1890 (Nr. 19). 20 H e 11 wig : Stumm, S. 536 f. Auch bei der Eröffnung des Staatsrates am 14. 2. 1890 hatte Wil¬ helm II. diesen Einsatz der Kirche verlangt, Eppstein, S. 175. 21 Brakeimann: Kirche, soziale Frage und Sozialismus, Bd. 1, S. 87. 22 Ebd., S. 88. 23 Ebd., S. 89. 24 Kongreßbericht in EW vom 8. 6. (Nr. 23), 15. 6. (Nr. 24), 22. 6. (Nr. 25) und 29. 6. 1890 (Nr. 26). Vgl. Göhre, S. 135 — 163. Erdmann: Christliche Arbeiterbewegung, S. 310 — 316. Achenbach, S. 13 f. Manfred Schick: Kulturprotestantismus und soziale Frage. Versu¬ che zur Begründung der Sozialethik, vornehmlich in der Zeit von der Gründung des Evange¬ lisch-sozialen Kongresses bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges (1890 — 1914) (= Tübinger Wirtschaftswissenschaftliche Abhandlungen, Bd. 10), Tübingen 1970, S. 76 ff. Gottfried Kretschmar: Der Evangelisch-Soziale Kongreß. Der Protestantismus und die soziale Frage, Stuttgart 1972. Bezeichnend war Stoeckers Devise laut EW vom 29. 6. 1890 (Nr. 26): ,,Ein rein religiöses Vereinsleben reicht nicht aus, wir müssen ein sozialreligiöses schaffen“. Zum 2. Evangelisch-Sozialen Kongreß vgl. EW vom 7. 6. 1891 (Nr. 23), zum 3. Kongreß EW vom 8. 5. 1892 (Nr. 19). 25 EW vom 14. 9. 1890 (Nr. 37). Vgl. Fricke: Gesamtverband evangelischer Arbeitervereine, S. 150 ff. K u 1 e nt an n : Berufsvereine, Bd. 2, S. 109. Fey er a b e n d , S. 32 ff. Just, S. 12 f. Imbusch, S. 205 f. Die Erfurter Satzungen sind bei Feyerabend, S. 251 — 253, abge¬ druckt. Vgl. Ernst Fab er : Die evangelischen Arbeitervereine und ihre Stellungnahme zu so¬ zialpolitischen Problemen, Diss. Würzburg 1928. 26 LR zur Nedden/SB an RP vom 11.5. 1890, Konzept KrASB S/5, Ausfertigung LHAK 442/ 4420, 101 -104. 133