sich auch in Riegelsberg ein evangelischer Arbeiterverein8, bis zum Ende des Jahres ka¬ men noch Vereine in Ludweiler, Neudorf und Etzenhofen dazu. Im Saarrevier zählten die evangelischen Arbeitervereine jetzt bereits 550 Mitglieder9, davon etwa die Hälfte in Friedrichsthal und Bildstock, dem Sitz des RSV. Die evangelischen Arbeitervereine begriffen sich nun immer mehr als Instrumente zur Erhaltung des sozialen Status quo. Bereits die erste Sitzung des Friedrichsthaler Vereins am 8. Dezember 1889 beschloß, daß „es bei einem abermaligen Streik jedem Mitglied zur heiligen Pflicht gemacht (wird), nach Kräften gegen einen solchen zu wirken, sich aber auch nicht daran zu betheiligen, widrigenfalls sofortige Ausstoßung aus dem Ver¬ ein erfolgt“10. Mit dieser Ausrichtung war die Organisation überaus erfolgreich. Der Friedrichsthaler Bürgermeister stellte nach dem Dezember-Ausstand 1889 lobend fest, ,,daß das Bestehen und die Thätigkeit des Vereins bei dem letzten neuen Streike ein Ausbrechen desselben im hiesigen Bezirk verhindert hat“11. Den evangelischen Berg¬ leuten hingegen empfahl Fauth den traditionellen Weg des Bittgangs12, während er für die Führer des RSV nur die Bezeichnung ,,Schmarotzer am Leibe der Arbeiterwelt“13 übrig hatte. Die ursprünglich rein konfessionelle, dem Kulturkampf entspringende Aversion trat also allmählich zurück, wenn sich auch das ,,Evangelische Wochenblatt“ nach dem Mai-Streik 1891 den Fiinweis nicht verkneifen konnte, daß ,,der weitgrößte Teil dieser irregeleiteten Bergleute katholischen Gegenden unseres Reviers“ entstamm¬ te14. In den Vordergrund rückte statt dessen die unmittelbar politische Abgrenzung auf der Ebene „Streikverein oder wirtschaftsfriedlicher Verband?“, wobei die evangeli¬ schen Arbeitervereine die Funktion der späteren ,,gelben“ Werkvereine einnahmen. Neben dieser dominanten Fragestellung ragten parteipolitische Gesichtspunkte in die Auseinandersetzung hinein: Man warf dem RSV zunächst vor, ,,daß seine Mitglieder nur zu ultramontanen Wahlzwecken gebraucht, resp. mißbraucht werden sollen“15; später ersetzte man ,,ultramontan“ einfach durch „sozialdemokratisch“. In diesem Zu¬ sammenhang ist Pfarrer Fauths 1890 erschienene Broschüre „Die Sozialdemokraten, was sie wollen und wie sie sind“ zu sehen, die im Vergleich zu Dasbachs Traktaten das patriotische Moment stärker betont16. Seit Wilhelms II. persönlichem Eingreifen in den Ruhrstreik versäumte es das „Evangelische Wochenblatt“ in kaum einer Polemik gegen den RSV, auf die soziale Friedensfunktion des Kaisers hinzuweisen: „Mit gutem Vertrauen darf der Arbeiter in die Zukunft schauen, weiß er doch, daß das Herz seines 8 LR zur Nedden/SB an RP vom 3. 11. 1889, LHAK 442/4138. Statuten und Mitgliederliste LASB, Dep. Riegelsberg, vorl. Signatur 25/10. 9 EW vom 1. 12. 1889 (Nr. 48). 10 Schriftführer Schmidt/Bildstock an BM/Friedrichsthal vom 8. 1. 1890, KrASB S/10. Vgl. auch die in diesem Tenor gehaltene Erzählung „Zufriedene Arbeiter“ im EW vom 13. 10. 1889 (Nr. 41) und den Aufruf „An die Bergleute der Grube Geislautern“ im EW vom 11.1. 1891 (Nr. 2). 11 BM Forster/Friedrichsthal an LR vom 8. 1. 1890, KrASB S/10. 12 EW vom 1. 12. 1889 (Nr. 48). Vgl. Lentzes Referat auf der Pfarrkonferenz am 12. 3. 1896, in: Freiherr von Stumm-Halberg und die evangelischen Geistlichen im Saargebiet, S. 26 f. 13 EW vom 3. 11. 1889 (Nr. 44). 14 EW vom 31. 5. 1891 (Nr. 22). 15 EW vom 1. 12. 1889 (Nr. 48). 16 Adolf Fauth : Die Sozialdemokraten, was sie wollen und was sie sind. Ein Wort der Beleh¬ rung und ernsten Mahnung an die deutschen Arbeiter, Herborn 1890. Unter dem Titel „Was wollen die Sozialdemokraten?“ auch in den Nummern 17 — 22/1890 im EW abgedruckt. Auch G ö h r e , S. 122, stellte diese Gewichtsverschiebung fest: „Der Gegensatz gegen Rom trat im¬ mer mehr zurück, der Gegensatz gegen die Sozialdemokratie immer mehr in den Vorder¬ grund“. 132