Saar wirksam werden sollte, am 29. Mai 1882 die erste derartige Vereinigung10^ — ,,als Gegengewicht zum in den protestantischen Teilen des Reviers längst als drückend emp¬ fundenen Übergewicht des katholischen Vereinswesens, gerade auch in den Knappen¬ vereinen“100 101. Auch Pfarrer Fauth stellte in seiner Artikelserie ,,Die evangelischen Ar¬ beitervereine“ im Jahre 1886 ganz auf den konfessionellen Zweck ab: ,,So kam es denn, daß in jenen konfessionell gemischten Gegenden viele evangelische Arbeiter in diese katholischen Arbeitervereine eintraten. Was war die Folge? — Man las die katho¬ lischen Blätter, die im Vereine gehalten wurden ... Da findet sich selten etwas von Lie¬ be zu Kaiser und Reich, da wird vielmehr gehetzt und geschürt und der preußische Staat als unerbittlicher Feind der katholischen Kirche hingestellt ...Es mußte Wandel geschaffen werden, wenn nicht viele Seelen der evangelischen Kirche verlorengehen sollten“101. 23 derartiger Vereine schlossen sich 1885 zum ,, Verband evangelischer Ar¬ beitervereine Rheinlands und Westfalens“ zusammen; als Organ diente der in Hattin¬ gen erscheinende ,,Evangelische Arbeiterbote“'05 103. Drei Jahre später waren es bereits 58 Vereine mit 18 227 Mitgliedern104. Als Wahlspruch diente die biblische Losung: ,,Habt die Brüder lieb! Fürchtet Gott! Ehret den König“105 106. Beitreten konnten Vereine, deren Statuten folgende Bestimmungen enthielten: ,,1) Der Verein steht auf dem Boden des evangelischen Bekenntnisses, erstrebt die Weckung und Stärkung des evangelischen Be¬ wußtseins unter den Glaubensbrüdern und hält treu zu Kaiser und Reich. 2) Der Verein strebt die Pflege und Wahrung eines friedlichen Verhältnisses zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer an. 3) Wer das entwürdigende Versprechen gegeben hat, seine Kinder der katholischen Kirche zu überweisen, soll, Ausnahmefälle Vorbehalten, von der Mitglied¬ schaft ausgeschlossen bleiben“l0(>. Als Gegenreaktion auf die Ottweiler St. Barbara-Bruderschaft hatte sich dort im Herbst 1856 ein evangelischer Bergmannsverein gebildet; er zählte 1857 148 Mitglie¬ der, über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt107. Die erste und einzige Gründung eines evangelischen Arbeitervereins im Sinne des rheinisch-westfälischen Verbandes vor 1889 war jedoch die in Gersweiler im Sommer 1885108 — eine Organisation, die wohl auf Fauths besonderen Eifer zurückzuführen ist, ansonsten aber keinen allgemei¬ nen Anklang fand. Vor der Streikperiode der Jahre 1889 — 93 war die Konzeption der evangelischen Arbeitervereine an der Saar lediglich Resultat von Kulturkampfängsten, konfessionelles Kampfmittel also, noch kein Instrument zur Aufrechterhaltung des so¬ zialen Status quo. 100 Pastor Deutelmoser: Die evangelischen Arbeitervereine in Rheinland und Westfalen, 2. Aufl., Magdeburg 1890, S. 8 — 10. Feyerabend, S. 26 — 30. Göhre, S. 108 — 111. Erd¬ mann: Christliche Arbeiterbewegung, S. 322 — 329. Einicke, S. 54 — 56. Kulemann : Berufsvereine, Bd. 2, S. 108. Schürmann, S. 80 — 89. Statuten abgedruckt bei Im¬ busch, S. 671 f. 101 Tenfelde: Sozialgeschichte, S. 371. 102 EW vom 6. 6. 1886 (Nr. 23). Göhre, evangelischer Pfarrer in Frankfurt/Oder, Parteigän¬ ger Naumanns und späterer Sozialdemokrat, urteilte ähnlich: ,,Der Gegensatz gegen Rom ist die Vorbedingung ihrer Existenz, das Religiöse überhaupt der Grundzug ihres Wesens“ (S. 115). 103 Kulemann: Berufsvereine, Bd. 2, S. 109. 104 EW vom 9. 9. 1888 (Nr. 37). 105 EW vom 13. 6. 1886 (Nr. 24). 106 EW vom 6. 6. 1886 (Nr. 23). 107 Saarn, S. 238. 108 EW vom 16. 8. 1885 (Nr. 33) und 20. 6. 1886 (Nr. 25). 96