Allein im eigentlichen Dudweiler Ortsgebiet existierten 1885 67 Kneipen180; 1903 be¬ trug der Bierverbrauch in Sulzbach pro Kopf der Bevölkerung 160, in Bildstock 164 Li¬ ter15’1. Primär schlug sich hierin der Mangel an sozialen und kulturellen Investitionen in den aufgeblähten Bergarbeiterdörfern nieder. Denn die Wirtschaften bildeten zu¬ nächst die wichtigste Stätte außerfamiliärer Reproduktion und den hauptsächlichen Umschlagplatz des Informationszusammenhangs zwischen Grube und Gemeinde. Gleichzeitig muß der hohe Alkoholverbrauch als sicherer Indikator einer schlechten Lebenslage angesehen werden. Die erzwungene mnerweltliche Askese verstärkte den psychischen Leidensdruck und damit das Aggressionspotential. Das Resultat war ein hohes Maß an Schlägereien und Messerstechereienls2. Obwohl die Bergwerksdirektion seit 1860 Disziplinarmaßnah¬ men bei ,,Rohheitsvergehen“ verhängte183, nahm die Zahl der gerichtlichen Bestrafun¬ gen zu: Wurden 1867 erst 0,39% der Belegschaft rechtskräftig verurteilt184, so stieg diese Zahl seit 1876 konstant auf 1,1—1,2% an; in mehr als zwei Drittel aller Fälle handelte es sich um Aggressionsdelikte185. In dieser Streitlust äußerte sich insbesondere ein verdeckter Protest gegen die Zerrüttung der tradierten Lebensgewohnheiten durch den Industrialisierungsprozeß — neben Bummeln, „blauem Montag“ und Alkoholis¬ mus eine individualisierte, in den meisten Fällen wohl unbewußte Form des Widerstan¬ des186. In dieser Kompensation von existenziellen Defiziten lagerte eine Protestlatenz, die jedoch vor 1889 keinen organisatorischen Ausdruck annahm. 180 SADU, F 40, Nr. 5. Vgl, Oesterling : Memorandum, S. 9. 181 E. Müller, S. 76, Vgl. James S. Roberts : Der Alkoholkonsum deutscher Arbeiter im 19. Jahrhundert, in: GG 6 (1980), S. 220 — 242. D e rs . : Wirtshaus und Politik in der deutschen Arbeiterbewegung, in: Gerhard Huck (Hrsg.): Sozialgeschichte der Freizeit. Untersuchun¬ gen zum Wandel der Alkagskultur in Deutschland, Wuppertal 1980, S. 123- 139. 182 Vgl. LR Richthofen/SB an RP vom 2. 12. 1884, LASB, Best. LRA SB, Nr. 1,934 - 939. Zum Ruhrgebiet vgl. Tenfelde: Gewalt und Konfiiktregelung, S. 193. Lucas, S. 109 — 112. 183 Brandt, S. 31. 184 Hue: Wer hat den Rechtsschutzverein der Saarbergleute ruiniert?, S. 12. 185 Bgmfr. vom 16. 7. 1880 (Nr. 29), 12. 8. 1881 (Nr. 32) und 25. 8. 1882 (Nr, 34); seitdem stell¬ te der „Bergmannsfreund“ diese statistische Rubrik ein. 186 Vgl. Tenfelde: Sozialgeschichte, S. 510, 559. Lediglich die im Ruhrgebiet sehr häufige Fluktuation als Mittel des Arbeitskampfes stand im Saarrevier kaum zu Gebote. Vgl. die Ta¬ bellen bei Pieper, S, 100, 102. 42