Man rezipierte Edward P. Thompsons methodischen Ansatz — die Rekonstruktion der spezifischen sozialen Logik durch Decodierung der Handlungsabläufe’1 —, begann, die von Negt/Kluge eingeführte Kategorie der „proletarischen Lebenssituation“22 histo¬ risch-empirisch zu füllen. Diese Verknüpfung von Arbeitergeschichte und Arbeiterbe¬ wegungsgeschichte gelang insbesondere den Arbeiten von Erhard Lucas, Ulrich Engel¬ hardt und Klaus Tenfelde, mit denen ,,ein neues Kapitel in der Historiographie zur Ge¬ schichte der deutschen Arbeiterbewegung“ begann33. Diesem Ansatz — der Aufspürung des konkreten Zusammenhangs zwischen sozial¬ ökonomischer Lage, Bewußtseinsbildung, Organisation, Bewegung und Politik der Arbeiter und damit der Vermittlungsmechanismen zwischen Ökonomie, Sozialstruk¬ tur und Politik34 — ist auch die vorliegende Studie verpflichtet. Die Geschichte der Ar¬ beiterbewegung wird als kollektiver Lernprozeß begriffen; aus der Gemengelage von Anpassungszwängen, Konfliktäußerungen, Aufstiegschancen und -erwartungen, dem Wandel der Existenzbedingungen und Wertorientierungen wird versucht, die Entste¬ hung von Bewußtseinslagen und Konfliktstrategien zu analysieren. Da Denk- und Ver¬ haltensformen Produkt der alltäglichen Erfahrungsweise sind und nicht automatisch als „Durchgangsstadien“ zu irgendeinem Idealtypus „proletarischen Bewußtseins“ ver¬ standen werden können, kam es entscheidend darauf an, aus den objektiven und sub¬ jektiven Bedingungen heraus die Gesamtheit der verhaltenskonstitutiven Merkmale herauszuschälen und erklärend zu verknüpfen. Betrieb und Haushalt, Arbeit und Nicht-Arbeit, Produktion und Reproduktion werden als Einheit begriffen, aus deren Konnex sich Konfliktverhalten erst konkret entwickelt. Trotz, besser: wegen ihrer sektoralen und regionalen Begrenztheit stieß die vorliegende Fallstudie auf eine schwierige Quellenlage: Die internen Akten des Rechtsschutzver¬ eins wurden bei der Organisationsauflösung 1896 vernichtet35, die wenigen erhaltenen Nummern des Vereinsorgans „Schlägel und Eisen“ mußten in sieben verschiedenen Archiven zusammengesucht werden36. Die Zeit des Sozialistengesetzes hinterließ na¬ turgemäß nur eine geringe Anzahl parteiinterner Schriftstücke, die amtlichen Akten re¬ gistrierten in dieser Phase nur Oberflächenvorgänge37; zudem ordnete der preußische Industrialisierungsprozeß. Herkunft, Lage und Verhalten (= IndustrielleWelt, Bd. 28), Stutt¬ gart 1979, S. 494 -512. 31 Vgl. Dieter G r o h s : Einführung zu Edward P. Thompson: Plebeische Kultur und morali¬ sche Ökonomie. Aufsätze zur englischen Sozialgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts, Frankfurt-Berlin-Wien 1980, S. 5 — 28. Befruchtend wirkt nach wie vor Thompson: The Making of the English Working Class, London 1963. In der Bundesrepublik wurde Thomp- sons Ansatz erstmals nutzbar gemacht durch Michael V e s t e r : Die Entstehung des Proleta¬ riats als Lernprozeß. Die Entstehung antikapitalistischer Theorie und Praxis in England 1792- 1848, Frankfurt 1970. 32 Oskar N e g t / Alexander Kluge: Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit, Frankfurt 1972, S. 24, 28 f. 33 Dirk H. Müller, in: IWK 14 (1978), H. 1, S. 125. Ähnlich überschwenglich Peter N. Stearns : Sozialgeschichte der Bergarbeiter im internationalen Vergleich, in: GG 4 (1978), S. 551-559. Sehr kritisch dazu René Ott: Eine neue „Sozialgeschichte der Arbeit“? Zwei exemplarische Untersuchungen zur Geschichte der Arbeiterklasse in Deutschland im 19. Jahrhundert, in: Jahrbuch Arbeiterbewegung, Bd. 6. Frankfurt 1979, S. 305-316. 34 Programmatisch formuliert von Jürgen Kocka: Arbeiterkultur als Forschungsthema, in: GG 5 (1979), S. 5 — 11. Vgl. Tenfelde: Sozialgeschichte, S. 23 f. 35 August Jenal an BM/Friedrichsthal vom 27. 8. 1896, SAFR, Best. RSV, 634. 36 KrASB, SAFR, SANK, LASP, LHAK, HStAD, IISG. 37 Vgl. Hellfaier: Sozialdemokratie, S. 17-39. 18