Einleitung „Beim Vergleich der heutigen Lage der sozialdemokratischen und revolutionären Be¬ wegung mit der zuletzt vor Jahren geschilderten ergiebt sich wiederum eine erhebliche Erweiterung der zwischen der Arbeiterschaft und den übrigen Gesellschaftsklassen ent¬ standenen Kluft. Die Unzufriedenheit mit ihren politischen und wirthschaftlichen Ver¬ hältnissen, die Anschauung, daß die ebenso nothwendige wie mögliche Besserung von den übrigen Klassen nur aus Eigennutz und bösem Willen hintertrieben werde und daß deshalb in den übrigen Klassen Feinde zu erblicken seien, die bekämpft werden müssen, greift auch unter den noch nicht der sozialdemokratischen Partei angehörigen Arbeitern immer mehr um sich. Die Arbeiter fühlen auch, daß sie, wenn einig, die Macht besitzen würden, in diesem Kampfe zu siegen, daher die Neigung zur Gründung von politischen und gewerkschaftlichen Vereinen und der Drang nach Anknüpfung und Pflege interna¬ tionaler Beziehungen. Daher die bald hier, bald dort, in neuerer Zeit immer häufiger wiederkehrenden Kraftproben, sei es in Form von Streiks, deren einige besonders im laufenden Jahre einen ganz ungeahnten Umfang erreicht haben, sei es in der Form des zuletzt von Amerika überkommenen Boykottirens von Gastwirthen und anderen kauf¬ männischen Geschäften, die sich in irgendeiner Weise den Arbeitern mißliebig gemacht haben“', stellte der Berliner Polizeipräsident von Richthofen am 22. November 1889 in seinem Jahresbericht über den „Stand der socialistischen Bewegung“ fest. In der Tat kann man die Jahre 1889/90 in Anlehnung an Karl Jaspers als „Achsenzeit“ der Wilhelminischen Epoche bezeichnen: Die Industrie überrundete erstmals den Agrarsektor, der Bergarbeiterstreik — größter Ausstand in der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts — signalisierte das Erwachen einer bisher konservativen Arbeiter¬ schicht, das Sozialistengesetz fiel, die Sozialdemokratie entwickelte sich zur stärksten Partei, die Februarerlasse schienen eine innenpolitische Wende einzuleiten, Bismarck mußte gehen. Diese Verschlingung von fortschreitender proletarischer Emanzipation, Versagen bis¬ heriger Herrschaftstechniken und Ansätzen eines „Neuen Kurses“ besaß im Saarrevier besondere Brisanz. Während der Staatsbergbau zum Exerzierfeld der Sozialpolitik avancierte, versuchten die Saarbergleute, den Anschluß an die deutsche Arbeiterbewe¬ gung zu finden. Das traditionelle Konfliktverhalten der Petition verschwand zugunsten eines kollektiv-gewerkschaftlichen Vorgehens, der als spontanes Streikresultat entstan¬ dene Rechtsschutzverein (RSV) wandelte sich von einer Unterstützungseinrichtung zur beruflichen Interessenvertretung. 1 Abgedruckt bei Reinhard Höhn : Die vaterlandslosen Gesellen. Der Sozialismus im Lichte der Geheimberichte der preußischen Polizei 1878 — 1914, Bd. 1, Köln-Opladen 1964, S. 319-345, Zitat S. 319. 13