es handelte sich dabei vor allem um Schweden, Polen, die Türkei und Holland - gegenüber den großen in Schutz nehmen sollte263. Was für die französische Europapolitik im allgemeinen galt, hatte im besonderen für die Politik gegen¬ über dem Reich Gültigkeit264. Hier kam seinen Intentionen die alte Rolle Frank¬ reichs als Garant des Westfälischen Friedens und Schützer der „libertés ger¬ maniques" zugute. Wenn es Joseph II. nun gelingen würde, zumindest den größten Teil von Bayern für Österreich zu erwerben, so war damit seine beherrschende Stellung in Süd¬ deutschland gesichert. Diese Politik mußte aber dem politischen Interesse Frankreichs und Preußens entgegenlaufen. Preußens Existenz wäre durch eine solche Verschiebung des Gleichgewichtes im Reich bedroht gewesen. Frank¬ reich hätte seinen Einfluß in Deutschland verloren, eine Machterweiterung Österreichs wäre eine Bedrohung für das „oeuvre diplomatique si laborieuse¬ ment échaffaudée dans la Basse-Alsace"265, eine Gefahr für die mit den pfälzi¬ schen Fürsten abgeschlossenen französischen Geheimverträge, gewesen. So war Vergennes' Haltung eindeutig: Wenn er sich entschloß, den Alliierten des Königs bezüglich der bayerischen Erbfolgefrage entgegenzutreten, so mußte er sehr vorsichtig zu Werke gehen, denn seine Stellung am Hof war durch eine starke österreichische Partei bedroht, die großen Einfluß auf den König hatte266. An ihrer Spitze standen die Königin Marie Antoinette, der Herzog von Choiseul, Vergennes' alter Widersacher, und der österreichische Gesandte in Paris, Graf Mercy-Argenteau267. Diese Vorsicht wird in der Instruktion, welche Ende des Jahres 1777 dem Gesandten O'Kelly268 nach Zweibrücken mitge¬ geben wurde, besonders deutlich269. O'Kellys diplomatische Mission sollte bezwecken, Informationen über pfalz-zweibrückische Verhandlungen wegen der bayerischen Erbfolge einzuziehen. Man habe erfahren, daß der pfälzische Kurfürst Karl Theodor Verhandlungen mit dem bayerischen Kurfürsten Max III. Joseph wegen der Erneuerung der Familienverträge270, dem Dresdener Hof wegen der Allodialerbschaft - die Kurfürstinwitwe von Sachsen war eine Schwester Max III. Josephs - und dem Kaiserhof in Wien wegen der bayeri¬ schen Reichslehen aufgenommen habe. Es sei zu erwarten, daß Karl Theodor 263 GROSJEAN, La politique rhénane de Vergennes, S. 52. 264 Zu der von 1774 bis 1787 von Vergennes geleiteten französischen Deutschlandpolitik siehe u.a. OURSEL, La diplomatie de la France; deschanel, La succession de Bavière. 265 fallex, La question de la Queich, S. 10. 266 Vgl. dazu tratchevsky, La France et l’Allemagne, S. 260-265. 267 Siehe dazu arneth, Correspondance secrète entre Marie-Thérèse et le comte de Mercy-Argenteau. 268 Jean Jacques O'Kelly Fanel, seigneur de Lansac, geborener Irländer, 1756 naturali¬ siert, 1776 unter dem Titel eines Grafen O'Kelly am Hofe zugelassen; er wurde nach seiner Zweibrücker Mission Geschäftsträger in Mainz und quittierte den Dienst beim Ausbruch der Revolution. 269 Recueil des Instructions VII, S. 560-566. 270 Siehe dazu strauven, Die wittelsbachischen Familienverträge, S. 248 ff. 176