Mit der zweiten üblichen Methode berechnet man den Anteil der Wüstungen an der Gesamtzahl der nachgewiesenen, im Mittelalter bestehenden Sied¬ lungen. Die Wüstungsanzahl wurde also durch die Zahl der nachgewiesenen mittelalterlichen Orte geteilt: Wü 420 —-- = qu. - = 0,54 ma. Sdl. + Wü 4 400 + 420 Diese Rechnungsart trägt nun den historischen Gegebenheiten sicherlich sehr viel mehr Rechnung; denn sie ist mehr auf die behandelte Zeit bezogen. Aber auch ihr haften große Mängel an. So ist es nicht immer möglich, eine vollständige und zuverlässige Liste der mittelalterlichen Siedlungen aufzu¬ stellen. Ferner bleiben auch hier die Hofsiedlungen meist unberücksichtigt. Gewiß ist im Gebiet der großen Haufendörfer die Hofsiedlung ein anders¬ artiges Gebilde in Struktur und wirtschaftlicher Aufgabe etc. Aber man sollte auch bedenken, daß im Mittelalter die Scheidung Hof — Weiler — Dorf bei weitem nicht so ausgeprägt wie heute war163. Vielmehr waren die Grenzen von der Ausdehnungsfläche her stark fließend. Die Größenordnung des Dorfes war oft an die untere Grenze bis zum Weiler, ja gar bis zum Gehöft verschoben. Das Phänomen des Dorfausbaues im Spätmittelalter, in der Neuzeit und der neuesten Zeit wurde bisher in diesem Zusammenhänge viel zu wenig berücksichtigt164. Verschiedene Autoren, die vor allem in Gebieten der Hau¬ fendörfer, Weiler und Einzelhöfe arbeiten, setzen abgegangene Einzelhöfe mit den noch existierenden in Beziehung; ebenso verfahren sie mit den Hau¬ fendörfern. Die Zusammenfassung allerTypen der abgegangenen Siedlungen kann aber besonders dort zu Fehlschlüssen führen, wo sich die abgegange¬ nen Ortstypen nicht prozentual gleichmäßig auf die vorhandenen Orte ver¬ teilen, sondern wo sich ein Siedlungstyp als besonders anfällig erweist. Der Wüstungsquotient wurde oftmals kritisiert165. Daher forderte M. Born wegen der bekannten „Mängel des Wüstungsquotienten'' eine „Neufassung" desselben166. Er schlug deshalb vor, die Zahl der Orte um 1300 mit den ent¬ standenen Ortswüstungen und den unter ihnen befindlichen temporären Wüstungen in Beziehung zu setzen: (permanente Wü. -1- temporäre Wü.) mal 100 ma. Sdl. + Wü. um 1300 = qu. (1300—1450) 163 W. Müller-Wille, Langstreifenflur und Drubbel, in: Deutsches Archiv f. Landes- und Volksforschung VIII, 1944, S. 9—44. 164 H. G r e e s , Das Seldnertum im östlichen Schwaben und sein Einfluß auf die Entwicklung der ländlichen Siedlungen, in: Studien zur südwestdeutschen Landeskunde, Festschr. f. F. Huttenlocher, hrsg. v. K. H. Schröder, Bad Godesberg 1963, S. 104—151. 165 W. Prange (Lauenburg, S. 338 f.) bezeichnete den Wüstungsquotienten in Hinsicht auf die Ermittlung aller Wüstungserscheinungen eine „Fiktion". 166 M. B o r n , Wüstungsschema und Wüstungsquotient, S. 209. 45