tet werden93." Bleibt ein Dorf einige Jahrzehnte verlassen, wird dann aber wieder besiedelt, so ist gemäß dem oben angeführten Schema der temporäre Wüstungscharakter keinesfalls zu leugnen. Andererseits kann man jedoch nicht von einer Wüstung sprechen, wenn die Bevölkerung ihre Wohnplätze in Kriegszeiten etwa einige Wochen oder Monate verläßt, um in den benach¬ barten Wäldern oder sonst irgendwo Schutz zu suchen. Nach der Rückkehr wird man bald wieder alles aufbauen und die Spuren der Verwüstungen rasch beseitigen. Wichtig für die Bestimmung des Charakters einer totalen Wüstung sind das Schicksal der Bewohner, der Wohnstätten, des Namens, der Wirt- sdiaftsfläche, der Sozial- und Besitzstruktur und vor allem das „außer Funk¬ tion sein" auf längere Zeit oder für immer. Werden die Nutzungsfläche und der Wohnplatz sich selbst überlassen, und bestocken sie sich wieder mit Wald und Heide, siedeln sich also bestimmte Schuttpflanzen bei den leerstehenden Gebäuden an, so sind dies Zeichen dafür, daß der Wüstungs¬ prozeß in vollem Gange ist. J. Lappe erwähnt für den Fall, daß keine weitere Bebauung der Ländereien stattfand, obwohl der Zins für das unbebaute Land zuvor sogar noch herabgesetzt worden war, sich also mit dem Auf¬ hören regulärer Bestellung solche Fluren rechtlich von den genutzten unter¬ schieden: Was in 10 Jahren nicht gedüngt ist, Busch und Berg, soll gemeine Weide sein94, d. h. die Fluren verfielen zu wüstem Recht und damit an den Grundherrn zurück, der sie gleich unkultiviertem Land einem neuen Bebauer überlassen konnte. Werden die bäuerlichen Wirtschaftsgebäude verlassen und an einer ande¬ ren Stelle wieder aufgebaut, so kann man der Ansicht sein, daß die Wohn¬ stätten ja nur versetzt wurden. Mit einer solchen Verlegung der Gebäude muß ja auch nicht notwendigerweise eine Änderung der Wirtschafts-, Sied- lungs-, oder Bevölkerungsstruktur eintreten. Andererseits ist aber zu be¬ denken, daß ein Verlassen und danach ein „Verfallenlassen" eines Wohn- platzes nicht grundlos geschieht. Der Bewohner wird seine Wohnstelle nur dann aufgeben, wenn er sich von dem Standortswechsel eine bedeutende Verbesserung verspricht, oder aber wenn er durch starke negative Einwir¬ kungen dazu gezwungen wird. Wenn man nun diese Entwicklung noch aus der Perspektive des ehemaligen und nun leer gewordenen Wohnplatzes betrachtet, kann man diese Erscheinung mit dem Begriff Wüstung belegen. Außerdem war eine Siedlungsverlagerung oft mit einem Rückgang der Bewohnerzahl verbunden. Aus diesem Grunde befürworte ich eine Auf¬ nahme dieser Plätze in das Wüstungsverzeichnis. Es kommt noch ein weite¬ rer Gesichtspunkt dazu: Wenn die Bewohner in ein anderes Dorf über¬ 93 H. Beschorner, Wüstungsverzeichnis, S. 4. Vgl. auch D. W e b e r , Wüstun¬ gen in Württemberg, S. 15. 94 J. Lappe, Wüstungen, S. 70 Anm. 1. — Vgl. auch W. Abel, Die Wüstungen des ausgehenden Mittelalters, Stuttgart 1955 (2. veränderte und erweiterte Auf¬ lage.) S. 57. J. Grimm, Weistümer II, S. 442 f. und J. Grimm, Rechtsalter¬ tümer II, S. 47. 31