Es ist das Verdienst von Scharlau, den Verlauf des Wüstwerdens auch in seinen einzelnen Schichtungen beachtet zu haben: „Erreicht der Wüstungs¬ vorgang seinen Endstand, treten totale Orts- bzw. totale Flurwüstungen auf. Wird dieser Vorgang jedoch vorher unterbrochen und stagniert in der erreichten Phase, entstehen partielle Orts- bzw. partielle Flurwüstungen13." Neben die partielle Wüstung allgemein mit der möglichen Unterteilung in partielle Orts- oder Flurwüstung treten die Kombinationen „totale Orts¬ wüstung mit partieller Flurwüstung" und umgekehrt: partielle totale Ortswüstung! totale Wüstung partielle totale 1 r Flurwüstung Ebenso kann eine wirtschaftliche Umstrukturierung eine Flurwüstung be¬ wirken, ohne daß Ortschaften wüst werden. Hierbei ist vor allem an die Industrialisierung einer Gegend oder eines Ortes gedacht, wo dann viel¬ fach die Nutzungsfläche verödet. Dabei kann der Ort sogar noch wachsen. Die Umstellung der Erwerbsverhältnisse der Bewohner, ermöglicht durch Industrieansiedlung, läßt die Landwirtschaft zum Nebenerwerbszweig herab¬ sinken oder bewirkt ihr völliges Verschwinden. H. Mortensen betonte 1944 die methodische Absicherung des Forschungszweiges durch die „einfachen Nomenklaturen" und „klaren Begriffsbildungen" des Schemas von Scharlau14. Um weitere qualitative Unterschiede zu erfassen, regte Morten¬ sen außerdem an, das Schema durch die Abstufungen „relativ" und „abso¬ lut" zu ergänzen15. Danach ist eine Flurwüstung absolut, wenn ehemaliges Ackerland von Wald in Besitz genommen wird oder zu Ödland absinkt. Alle Zwischenstände, ausgehend von der ursprünglichen Nutzung bis hin zur absoluten Flurwüstung, werden als „relativ" erfaßt. Diese Zwischenphasen können als (relativ) stark wüst (etwa Umwandlung von Äckern zu Schaf¬ weiden) oder (relativ) schwach wüst (z. B. Umwandlung von Weingärten zu Wiesen) gekennzeichnet werden. Allerdings muß hier sorgfältig geprüft werden, ob diese Veränderungen nicht konjunkturbedingte Umstrukturie¬ rungen in der Wirtschaftsweise darstellen. Nicht immer kann bei der Um¬ wandlung von Ackerland in Grünland von Wüstungsvorgängen die Rede sein. Dies ist beispielsweise nicht der Fall, wenn die Viehwirtschaft den 13 K. Scharlau, Beiträge Wüstungen, S. 10. — Vgl. auch ders., Die hessische Wüstungsforschung vor neuen Aufgaben, in: Ztschr. d. Ver. f. hess, Gesch. u. Landeskunde 65/66, 1954/55, S. 72 f. Ders., Zur Frage des Begriffes Wüstung, in: Geogr. Anz. 39, 1938, S. 247—252. 14 H. Mortensen, Zur deutschen Wüstungsforschung, in: Göttingische Gelehrte Anzeigen, Bd. 206, 1944, S. 195. 15 H. Mortensen, Wüstungsforschung, S. 197. 16