unserem verschiedenen Wollen keinen Fall feststellen können, in dem nicht unsre Glückseligkeit als Selbstzweck sich zeigte, in dem wir nicht alles sonst noch Gewollte um unserer Glück- seligkeit willen, also als Mittel zu jenem Zweck gewollt hätten. Niemand aber wird in Verlegenheit sein, aus seinem eigenen Leben Fälle seines Wollens vorzuführen, in denen der Zweck nicht die eigene Lust oder Glückseligkeit gewesen ist. Wer einem Bedrängten aus der Not helfen, wer seinem Kinde eine Freude machen will, denkt dabei nicht an sich und die Glück- seligkeit, die ihm etwa aus der Verwirklichung des Gewollten erwachsen kann: er mag sich noch so sehr auf Herz und Nieren prüfen, von dem Gedanken an Verwirklichung eigener Lust findet er in jenem Wollen schlechthin keine Spur. Und er ist doch der Einzige, der von diesem in Rede stehenden Wollen, da es ja sein Wollen ist, zeugen und bekunden kann, was er gewollt hat. Mag ihm auch der Klugheitethiker einwenden, in solchen Fällen, von denen man urteile, daß man an sich selbst und seine Glückseligkeit gar nicht gedacht habe, werde nähere Überlegung doch ergeben, daß in der Tat die eigene Glück- seligkeit der „Endzweck“ des betreffenden Wollens gewesen sei. Diesem Einwand, der immerhin in manchem Fall sich als be- rechtigt erweisen mag, können wir die Tatsache entgegenhalten, daß so manche Fälle unsres Wollens uns sonnenklar sich er- weisen als solche, die nicht die eigene Glückseligkeit des Wollen- den als Zweck gehabt haben. Man pflegt in diesen Fällen von selbstlosem Wollen zu reden, und seine Tatsächlichkeit ist nicht aus der Welt zu schaffen oder dieses selbstlose Wollen in sein Gegenteil, das Glückseligkeit wo! len umzudeuteln. Die letzte Entscheidung, ob ein besonderes Wollen ein selbstloses war, oder nicht, liegt ja auch allein bei dem Bewußtsein, dessen Wollen es gewesen ist, und nicht etwa bei einem anderen menschlichen Bewußtsein. Die Tatsache selbstlosen WTollens steht aber mit der Voraus- setzung der Klugheitethik, daß alles Wollen Glückseligkeit wollen, 71