unsichere Stütze ist er von vornherein verloren, denn geisti- ges Einzelwesen ist und kann nicht Teilwesen eines anderen, also diesem zugehörig sein. Der Pantheismus ist ent- weder Materialismus oder er ist wissenschaftlich über- haupt nichts.1 Darum nutzt dem Spinoza auch nichts, daß er, woran die Stoiker als ausgesprochene Materialisten gar nicht dachten, den Menschen als besonderes, von Gott unter- schiedenes Einzelwesen bezweifelte und mit der sinnleeren pantheistischen Verlegenheitsmarke „modus dei“ versah, auf die nur wiederum ein Lichtschimmer fällt, wenn der Mate- rialismus hilft und den „modus dei“ als Teilding des Welt- dinges „Gott“ abstempelt. Mit dem Materialismus aber steht und fällt auch der Pan- theismus, dessen einzige Stütze jener ja ist; und wenn es wahr ist, daß das Gegebene, das wir Geist oder Bewußtsein nennen und als zweifellos Wirkliches kennen, ein vom Dinglichen (Körperlichen) schlechthin Verschiedenes ist, so stutzen wir mit Grund aufs Höchste, daß es der Pantheismus zu einer Ethik gebracht haben soll, zu einer Wissenschaft vom Sittlichen. In der Tat spricht man von einer „Ethik“ der Stoiker, von einer „Ethik“ Spinozas, und von beiden ausdrücklich als einer „Pflichtethik“. Aber pflichtiges Bewußtsein muß sich allemal mit anderem Bewußtsein in einer Einheit, Herrschaftseinheit oder Lebenseinheit wissen, die Pflicht demnach in einem Gebot (des Herrschers) oder in einem Gesetz (der Lebenseinheit) ge- gründet sein. Die unumgängliche Voraussetzung der Pflicht- ethik ist eine Mehrzahl wollender wirklicher Bewußtseins- wesen. Diese Voraussetzung aber kann der Pantheismus schlech- terdings nicht aufrecht halten, denn gesetzt auch, die gesamte Wirklichkeit wäre ein Einziges „Gott“, so könnte zu diesem doch kein anderes Bewußtsein gehören, denn das hieße „Gott“ für ein zusammengesetztes Bewußtsein erklären, ein Be- 1 S. Rehmke, „Die philosophische Erbsünde“ und „Was bin ich“, S. 13, Marburg, Elwertsche Buchandlnng 1924. 53