ethik heraus, indem die besondere Herrschaft, die ja ihr Boden ist, Gott und die menschlichen Bewußtseins wesen alle- samt umspannt: das Gottesreich. Was der Religiöse das Sitt- liche nennt, hängt darum nicht irgendwie vom menschlichen Bewußtseinswesen ab, sondern ist rein und auschließlich der Wille Gottes; er ist der Herr und das menschliche Bewußt- sein der Knecht; das in dieser Herrschaftseinheit sich wissende menschliche Bewußtsein ist, wie Schleiermacher es ausdrückt, durch schlechthiniges Abhängigkeitsgefühl gekennzeich- net. Die Einheit, in der sich der Religiöse findet, ist, wie jede andere Herrschaft, ganz und allein auf das freie Wollen Gottes gestellt. Aus Gnaden Gottes gehört das menschliche Bewußt- sein zu dieser Herrschaft und „sittlich“ heißt das Wollen des menschlichen Bewußtsein, das demGebote Gottes entspricht. Nun ist dann alles Wollen dieses menschlichen Bewußtseins ein Zwangswollen, so daß Luther das freie Wollen des Religiösen leugnet und als sicheres Zeichen des in der Gottesherrschaft Stehenden dessen Sün der bewußt sein hinstellt, indem er unter diesem Sünderbewußtsein nicht so sehr das Bewußtsein, gesün- digt zu haben, als vielmehr das Bewußtsein des posse peccare versteht, weshalb das menschliche Bewußtsein nicht „aus freien Stücken“, sondern durch Gottes Gnade Gottes Gebot zwangs- wollend erfüllt. Paulus und Luther haben uns in klarster Weise das Wollen des in der Gottesherrschaft sich wissenden menschlichen Bewußtseins gezeichnet als unfreies, durch die Gnade Gottes erzwungenes Wollen. Auf dieses Gotteswillen- wollen des menschlichen Bewußtseins bezieht die Religions- ethik das Wort „sittlich“ und rückt somit auch ihrerseits ab von dem „der Sitte Gemäßen“, das ja nicht so sehr das Wollen, als vielmehr das Handeln betrifft, also nicht auf das wollende Bewußtsein alssolches, sondern auf das vom mensch- lichen Willen Gewirkte, das wir seine Handlungen (Ge- wirktes) nennen, eingestellt ist. So läßt sich wohl verstehen, daß eine Handlung zwar „der Sitte gemäß“, aber nicht „sittlich“, 46