2. Wenn man sagt, „Sitte“ bedeutet den Brauch oder das Her- kommen einer Lebensführung innerhalb einer Lebenseinheit, so trifft diese Sinnbestimmung des Wortes „Sitte“ keineswegs ins Schwarze. Nicht weil eine Lebensführung, was wir immer- hin zugeben könnten, sich als Brauch oder Herkommen in der Lebenseinheit gibt, sprechen wir von ihr als „Sitte“, sondern weil menschliches Bewußtsein, ist es anders „Mitglied“ oder „Glied“ dieser Lebenseinheit, die in der „Sitte“ gemeinte beson- dere Lebensführung wollen muß, denn ein menschliches Bewußtsein ist nicht oder nicht mehr Lebenseinheitler, wenn es die als Sitte bekannte Lebensführung nicht erfüllen will. So innig verknüpft sind „Sitte“ und „Lebenseinheit“, so wesentlich gehört die Sitte zur Lebenseinheit selbst, daß das menschliche Bewußtsein, sofern und solange es Lebenseinheitler ist, mit anderen Worten, die Lebenseinheit will, schlechtweg die als Sitte bekannte Lebensführung wollen muß. Eine besondere Lebenseinheit wollen heißt „Lebenseinheitler sein“, und Lebens- einheitler sein heißt eine Lebenseinheit wollen. Darum muß der Lebenseinheitler auch das, was eben aus der Lebenseinheit erwächst, nämlich die als Sitte bekannte Lebensführung wollen. Wir sagen mit Betonung, es müsse menschliches Bewußtsein, sofern es überhaupt tatsächlich Lebenseinheitler ist, die als Sitte bekannte Lebensführung wollen. Wollen müssen heißt aber allemal etwas anderes als Wollen sollen. „Müssen“ und „Sollen“ werden jedoch leider so häufig nicht auseinandergehalten. Kein menschliches Bewußtsein kann als Lebenseinheitler der Sitte seiner Lebenseinheit zuwider wollen und wenn ein Bewußtsein dennoch der bestimmten Sitte zuwider will, so ist dies überhaupt nur möglich, weil es zu solcher Lebenseinheit nicht oder nicht mehr gehört. „Lebenseinheitler sein“ ist ja einzig und allein auf „Lebenseinheit wollen“ gestellt. Das Wort „Sitte“ betrifft eben die besondere Lebensführung menschlichen Bewußtseinswesens als Lebenseinheitlers; die Worte 10