Wir haben in der Frage „Mittel oder Zweck?“, wenn wir sie an eine Lebenseinheit, in der wir uns wissen, richten, um uns zu vergewissern, ob diese uns „Gesellschaft“ oder „Gemein- schaft“ sei, die sicherste Führung zur klaren Feststellung der besonderen Lebenseinheit. Denn nichts kann uns leichter wer- den als die Entscheidung, ob die Lebenseinheit, in der wir uns wissen, uns Mittel zum Zweck oder selbst Zweck bedeutet. Mache man nur einmal die Probe, ob die Lebenseinheit, die wir „Vater- land“ nennen, uns Selbstzweck oder Mittel zum Zweck ist. Diesem Unterschied der zwei Lebenseinheiten hat unsere Sprache treffenden Ausdruck gefunden, indem sie von den Mitgliedern einer Gesellschaft, aber von den Gliedern einer Gemeinschaft redet; die „Mitglieder“ wollen die Lebenseinheit als Mittel, die „Glieder“ aber wollen sie als Zweck. Unsere Sprache weist mit dem Worte „Glieder“ gegenüber dem Worte „Mitglieder“ deutlich hin auf die innigere Einheit der Bewußt- seinswesen in der „Gemeinschaft“. Nun zeigt sich bemerkenswerterweise das, was wir „Sitte“ nennen, immer nur, wenn Lebenseinheit gegeben ist, wir haben daher allen Grund zu sagen: „Ohne Lebenseinheit keine Sitte“, aber auch umgekehrt „keine Lebenseinheit ohne Sitte“. Nennen wir nun das zu einer Lebenseinheit gehörige Bewußt- seinswesen einen Lebenseinheitler, so wissen wir, daß wir den Blick auf das Wollen dieses Bewußtseins eingestellt haben; wer Lebenseinheitler ist, will eben eine Lebenseinheit, und zwar, wie wir feststellten, diese Lebenseinheit entweder als Mittel oder aber als Zweck. Für den Lebenseinheitler ist demnach auch die Sitte seiner Lebenseinheit von bestimmender Bedeu- tung. Wir verstehen aber unter „Sitte“ die aus einer Lebens- einheit menschlicher Bewußtseinswesen erwachsene Richtschnur für die sogenannte Lebensführung des Lebenseinheitlers oder anders gewendet, Sitte bedeutet dem Lebenseinheitler die Lebens- führung, die er als Mitglied oder als Glied der Lebenseinheit wollen muß. 9