orte „sittlich“ entsprechend verwendeten griechischen und lateinischen Worte „ethisch“ und „moralisch“ dieselbe \blei- tung haben, das griechische von *&og = (Sitte,)1 das lateinische von mos — (Sitte). Und auch wenn man darauf hinwiese, daß doch „ethisch“ nicht von sondern von V&og (Gesinnung) abgeleitet sei, so spielt doch £&og = die Sitte eine maßgebende Rolle, wie deutlich daraus hervorgeht, daß die Lateiner (siehe Cicero) das griechische Wort „ethisch“ übersetzten mit „mora- Hs“, das abgeleitet ist von mos (Sitte), dem dann die Deutschen getreulich mit dem Worte „sittlich" gefolgt sind. Wenn wir uns nun auch mit Grund dagegen aussprechen, daß der Sinn des uns heute gebräuchlichen Wortes „sittlich“ mit „der Sitte gemäß“ Zusammenfalle, was ja auch der Grieche und der Lateiner den Worten „ethisch“ und „moralisch“ nicht zugemutet haben, so wird doch das Gegebene, um das es sich einerseits bei „sittlich“ und anderseits bei „der Sitte gemäß“ handelt, irgendeinen Zusammenhang zeigen, der uns die Ab- leitung des Wortes „sittlich“ von dem Worte Sitte verständlich macht, ein Zusammenhang, der sich ja auch auffallend darin geltend macht, daß in unserer Sprache die Wissenschaft vom Sittlichen „die Sittenlehre“ genannt wird.1 2 Daß unser Wort „sittlich“ etwas anderes sage, als es nach sei- ner sprachlichen Ableitung sagen müßte, darüber sind wir alle, die wir uns des Wortes „sittlich“ bedienen, einig; aber wir dür- fen dessen ebenso sicher sein, daß der Platz im Gegebenen über- 1 Wie Aristoteles uns belehrt: r'o rj&oi dna xov It)ovs ixtl TVV tTtcovvuinv. 2 Daß ich zurBezeichnungder Wissenschaft vom Sittlichen das griechische Wort „Ethik“ und nicht das deutsche Wort „Sittenlehre“ gewählt habe, hat vor allem seinen Grund darin, daß für uns Deutsche das Wort „Sitten- lehre“ zu verführerisch die Sitte oder die Sitten als vermeintlichen Gegen- stand dieser Wissenschaft nahelegt und dadurch doch zu oberflächlich der eigentliche Gegenstand dieser Wissenschaft gestreift würde, wäh- rend das Fremdwort „Ethik“ uns Deutschen noch nichts vorausnimmt, sondern selbst erst der Erfüllung harrt durch die Beantwortung der Frage „was ist sittlich?“ 6