geht für sie im eigenen Hause auch ohne Grundwissenschaft. Anders steht es jedoch um andere Fachwissenschaften, denen jene Selbständigkeit darum abgeht, und die vielmehr schon als besondere Wissenschaften in der Grundwissenschaft wurzeln, indem sie durch diese überhaupt als Wissenschaft erst möglich sind. Zu dieser Gruppe von Wissenschaften gehört auch die Psychologie oder Seelenlehre. Das Stichwort der Psychologie aber ist „Seele." Kein Unternehmen nun, das sich Psychologie als Wissenschaft nennt, kann sich um der Wissenschaftlichkeit willen als erster und grundlegender Frage der Frage „was ist Seele?*' entziehen. Diese ist freilich nicht „eigentlich*' eine psychologische, sondern eine grundwissenschaftliche Frage; nicht die Psychologie, sondern die Grundwissenschaft beantwor- tet sie, aber die Antwort macht auch erst den Boden der Psy- chologie als besonderer Wissenschaft klar und gehört als solche darum doch auch zur Psychologie selbst. Wie nötig der Psycho- logie als Wissenschaft der grundwissenschaftlich geklärte Boden ist, geht schon deutlich daraus hervor, daß sich kein Psycho- logie-Unternehmen findet, in dem die Beantwortung der Frage „was ist Seele?*' nicht das Grundlegende wäre, was sich sogar an denjenigen Psychologien zeigt, die selber den grundwissen- schaftlichen Unterbau mißachten, aber, wenn wir sie genau besehen, doch von Anfang an eine Antwort auf jene Frage, freilich unausgesprochen, mitlaufen lassen und sich auch in den fachwissenschaftlichen Ausführungen stillschweigend nach ihr richten. Zu diesen grundwissenschaftlich verankerten Wissenschaften, die mit ihrem Stichwort, damit es sichere Weisung gäbe, auf grundwissenschaftliche Klärung angewiesen sind, gehört auch die Ethik als Wissenschaft vom Sittlichen. Das Wort „sitt- lich** ist in der Tat ein so wenig sicher auf den Gegenstand der „Ethik** (wie wir aus alter griechischer Erbschaft die Wissen- schaft vom Sittlichen zu nennen pflegen) hinweisendes Wort, das wir dafür halten, es müßte jedem Ethiker nichts näher lie- 3