V Die älteren Matfriedinger und die Adalharde im 9. Jahrhundert Bereits mehrmals war in den vorangegangenen Kapiteln auf die drei Geschwister Graf Gerhard, Graf Matfried und Bischof Richar von Lüttich hinzuweisen, die um die Wende vom 9. zum 10. Jahrhundert und im ersten Jahrzehnt des 10. Jahr¬ hunderts in der markantesten Weise in die Geschicke Lotharingiens und des Rei¬ ches eingriffen. Den beiden Grafen Gerhard und Matfried — und mit ihnen noch den Grafen Stephan und Odacar — wurden um den Jahreswechsel 896/97 vom König Zwentibold von Lotharingien alle ihre honores et dignitates, quas a rege acceperant, abgesprochen, nachdem der Graf Stephan einen Grafen Alberich aus Blutrache für die Mordtat an einem seiner nächsten Verwandten erschlagen hatte1. Offenbar gedachte der junge König damals nicht nur den Täter allein, sondern auch seinen bedeutsamen Anhang zu treffen und auszuschalten. Wodurch Gerhard und Matfried mit Stephan verbunden waren, ist letztlich unbekannt; indes werden sich noch Anhaltspunkte für eine Erklärung ergeben2. Aber dieser Schlag Zwentibolds mißlang bekanntlich; der König mußte sich noch 897 unter Vermittlung seines Vaters, Arnulfs von Kärnten, mit Stephan, Gerhard und Mat¬ fried aussöhnen. Ihren Einfluß auf den König Lotharingiens vermochten sie anschließend sogar langsam auszubauen und dabei auch den Grafen Reginar I. (Langhals) vom Hennegau aus seiner Beraterfunktion am Hofe zu verdrängen3 4. — Im Zuge dieser Stärkung ihrer Machtposition vertrieben die Grafen Gerhard und Matfried 899 auch den Abt Regino von Prüm aus der Leitung seiner Abtei und machten ihren dort lebenden Bruder Richar zum neuen Abt1. Sodann ließen sie im Jahre 900, nachdem im Ostreich Kaiser Arnulf von Kärnten am 8. Dezem¬ ber 899 gestorben und sein Sohn Ludwig d. K. am 4. Februar 900 in Forchheim zum neuen König ausgerufen worden war, ihren eigenen König, Zwentibold, im Stich und riefen Ludwig d. K. ins Land, huldigten ihm und wandten sich selbst mit aller Macht gegen Zwentibold; et a comitibus Stephano, Gerardo et Matfrido circa Mosam isdem Zuendibolch in prelio interjicitur (13. August 9QQ)5. 1 Regino, Chron. ad 897, ed. F. Kurze, MG SS rer. Germ. S. 144; dazu E. Hlawitschka, Lotharingien und das Reich S. 164 ff. 2 Vgl. unten S. 169 Anm. 69. 3 E. Hlawitschka, Lotharingien und das Reich S. 173. 4 Regino, Chron. ad 899 S. 147 und ad 892 S. 139. 5 BM- nr. 1983 c; Regino, Chron. ad 900 S. 148. 154