während er im Kern des Saargebietes teilweise bis zu 85 Prozent sank391. Das Ergebnis war so eindeutig, daß der Rat des Völkerbundes in seiner Sitzung vom 17. Januar 1935 als Datum der Rückgabe des Saargebietes an das Deutsche Reich den 1. März 1935 bestätigte. Dieses Ergebnis zeigt, daß für fast alle Saarländer der nationale Gesichts¬ punkt gesiegt hatte und die Rückgliederung als Rückkehr zum Vaterlande und Ende eines künstlich geschaffenen Zustandes bejaht wurde, gleichgültig, wie man zum Nationalsozialismus stand. Für Hitler jedoch wurde die Saar¬ abstimmung zum ersten großen außenpolitischen Erfolg, und eine Betrach¬ tung des Prozesses der Festigung seiner Herrschaft kann die rein nationale Entscheidung der Saarländer mit dem Signum einer moralischen Unter¬ stützung des Hitlerregimes belasten392. 391 Vgl. dazu die Kartenbeilage über die Abstimmungsergebnisse. 392 So ähnlich urteilt Karl Jaspers, Hoffnung und Sorge, Schriften zur deutschen Po¬ litik, München 1965, S. 231 ff., wenn er die Saarabstimmung von 1935 als erstes Bei¬ spiel für „das Verhängnis des Vorrangs nationalpolitischen Denkens“ anführt. Er ist der Auffassung, daß das Plebiszit von 1935 eine Chance zur Rehabilitierung der Deutschen „vor sich selbst und vor der Welt und der Geschichte“ gewesen sei, nachdem die Deutschen im Reich von der Diktatur Hitlers überspielt worden seien und die Beseitigung des Regimes von innen durch die Gewinnung des Offizierskorps für die Aufrüstung unmöglich geworden sei. Die Bedeutung, die er einem anderen Ergebnis der Entscheidung vom 13. Januar 1935 zumißt, gipfelt in dem Satz: „Nicht auszu¬ denken, was damals in Deutschland bei einer anderen Saarabstimmung geschehen wäre.“ (S. 233). Die Darstellung Jaspers erwedkt den Eindruck, als hätten fast alle Antinational¬ sozialisten im Deutschen Reich etwa seit dem 30. Juni 1934 ähnlich geurteilt, da das Hitlerregime „sein Wesen“ „auch dem Blindesten offenbart hatte“. Die vorliegende Untersuchung konnte aber nur für die emigrierte Führungsschicht der deutschen Sozial¬ demokraten und Kommunisten und darüber hinaus nur für den christlichen Gewerk¬ schaftsführer Imbusch (s. oben S. 369) eine ablehnende Stellungnahme zur Rück¬ gliederung der Saar erweisen, ohne daß allerdings von den Genannten Hoffnungen auf einen Einfluß für die innere Entwicklung des Regimes in Deutschland aus¬ gesprochen wurden. Obwohl die von Jaspers skizzierte Haltung gegenüber der Saar¬ abstimmung quellenmäßig besonders schwer zu erfassen ist, spricht doch die Stellung¬ nahme führender Reichsdeutscher (Bischöfe, Wissenschaftler, Politiker wie Helene Weber und Ernst Lemmer vgl. dazu oben S. 299 f. bs. Anm. 289, S. 310, Anm. 352 u. S. 311 ff.), die keine Nationalsozialisten waren, gegen eine weitere Verbreitung der Auffassungen Jaspers bereits im Jahre 1934/35. Über die Saarländer urteilt Jaspers, daß sie, auch jene, die das Hitlerregime haßten, „lieber dem deutschen, seit Bismarck bestehenden Staat angehören wollten, was auch immer Deutschlands Regierung tun werde, ob nationalsozialistisch oder kommunistisch¬ totalitär, bis in Schuld und Verbrechen“, statt zu bekunden, „daß sie der Freiheit wegen lieber einem freien Frankreich als Staat angehören wollten (um im Bereich dieser Freiheit ihre nationale Kultur zu pflegen), als teilzunehmen an dem Gang des deutschen Verderbens“ (S. 232). Ein solches Urteil konnte Jaspers m. E. nur aus der Distanz des Jahres 1960 gewinnen, indem er seine persönlichen Einsichten aus dem Jahre 1934 verallgemeinerte und die Saarabstimmung gleichzeitig in seine aktuellen politisch-pädagogischen Überlegungen und Zielsetzungen zum Thema „Freiheit und Wiedervereinigung“ einordnete. So reduziert Jaspers die historische Situation der Saarländer im Jahre 1935 auf die klare Alternative: Freiheit oder nationale Einheit in einem verbrecherischen System. Seine Ausführungen können deshalb keinen Einblick in die Vielschichtigkeit der inneren Situation der Saarländer geben; sie vereinfachen und vereinseitigen die nationale Position der Saarländer, setzen eine Einsicht in das Wesen des totalitären Staates voraus, wie sie 1934/35 noch nicht wirklich vorhanden war, und sehen vor allem jene historisch bedingten Faktoren nicht, die bei den Saar¬ ländern der Herausbildung einer solch klaren Alternative entgegenstanden. 317