Klagen an das Sekretariat sprachen immer wieder von Hetze gegen diesen Vertrag85. Da man sich gewisser Schwierigkeiten gegenüber der deutschen Bevölkerung von Anfang an bewußt war, stellte Rault aus solchem Denken neben dem Zug der Sorge für die Wohlfahrt der Bevölkerung besonders Autorität und reale Macht der Kommission heraus. „In der gleichen Weise, in der die Regierungskommission von dem Bewußtsein ihrer Pflichten durchdrungen ist, ist sie auch gesonnen, ihrer Autorität Achtung zu verschaffen, und alle Bestrebungen, von wo sie auch nur immer kommen mögen, die Bevölkerung zu beunruhigen oder sie zu Fehltritten zu verleiten, unnachsichtig zu unterdrücken. Der Friedensvertrag hat sie keineswegs wehrlos dahingestellt. Die Rechte, die er ihr verlieh, setzen sie sehr wohl in den Stand, sich ihrer hohen Auf¬ gabe zu widmen, ohne sich durch etwaige eitle oder gar verbrecherische Aufleh¬ nungen beeinträchtigen zu lassen . . 86 Zur Stärkung ihrer Autorität nahm die Kommission wiederholt moralische Hilfe des Völkerbundes in Anspruch, und sie konnte dort wirksam die Auf¬ fassung vertreten, daß die Stärkung dieser ihrer Autorität die wichtigste Voraussetzung für das Funktionieren des Systems sei87. Zur machtmäßigen Unterbauung des Regierungssystems glaubte Rault, das französische Militär nicht entbehren zu können. Außerdem kann als eine weitere Grundtendenz der Raultschen Politik herausgearbeitet werden, daß er nach der Schaffung gesetzlicher Handhaben strebte, die es ihm ermöglichen sollten, gegebenen¬ falls gegen die Opposition einzuschreiten. In ihnen erblickte er ein wirk¬ sames Mittel zur Stärkung der Autorität der Kommission, in deren Ermes¬ sen es dann liege, strenge Gesetze milde anzuwenden88. Die Politik Raults und seine Auffassungen über die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung waren begleitet von der Erwartung, auf diese Weise auch Sympathien für Frankreich gewinnen zu können, da es ja nur gelte, die preußisch-deutschen Einflüsse auszuschalten und für das Wohl der Bevölke¬ rung zu sorgen. Die offiziellen französischen Propagandamaßnahmen aus der Zeit der Besatzung wurden weitgehend eingestellt89. Träger der fran¬ zösischen Propaganda wurden hinfort die Grubenverwaltung mit ihren Sozialmaßnahmen und ihren Schulen und der Saarbund, eine profranzö¬ sische Vereinigung, die als Zeitung den „Saar-Kurier“ herausgab90. Die Re¬ ss S.D.N. J.O. 1,3 (1920), S. 102; 1,5 (1920), S. 284: Hier werden „Traité de Paix et l’autorité de la Société des Nations“ zusammengenommen und in ihrem moralischen Anspruch identifiziert. 56 Deutsches Weißbuch, S. 72; S.D.N. J.O. 1,3 S. 107. 57 Im Laufe vieler Sitzungen des Rates des Völkerbundes wurde der Regierungskom¬ mission das Vertrauen und die Anerkennung des Rates ausgesprochen. Diese An¬ erkennungen zitierte Hanotaux als französischer Ratsvertreter in seiner Entgegnung auf das Exposé Lord Robert Cecils am 26. 6. 1923; S.D.N. J.O. IV,8 (1923), S. 865 f. Diese Anerkennungen waren der Kommission von den englischen Ratsvertretern Sir Fisher, Lord Robert Cecil und Lord Balfour, von dem Belgier Hymans und dem Italiener Graf Imperiali ausgesprochen worden. 88 Vgl. dazu unten S. 75. 89 Das betonte immer wieder Robert Herly (sein Pseudonym ist Jean Revire), bes. in Le mouvement francophile en Sarre in H. Hirsch, a. a. O., S. 92 ff. und in Re vi re, Perdrons-nous la Sarre?, S. 58. 90 Herly, a. a. O., S. 92 f. ; W. Hoffmann, Die Ideenwelt der mehrheitssozialistischen Bergarbeiterschaft im Saargebiet, Diss. (Masch.), Bonn 1923, S. 17ff.; Wambaugh, a. a. O., S. 93 56