wicklung. Die Gegensätze zwischen Nationalliberalen und Freikonserva¬ tiven wurden in den Wahlbewegungen kaum ausgetragen, da beide Rich¬ tungen in ihrem Erfolg abhängig waren von dem Einfluß, den die Indu¬ striellen und die Beamten der staatlichen Bergwerksverwaltung gemeinsam auf die Arbeiterschaft ausübten. Wahlvereinbarungen wurden getroffen und gegenseitige Unterstützungen zugesagt. Im gemeinsamen Kampf gegen das Zentrum näherte man sich noch stärker; die Wahlkämpfe wurden oft mit nationalen Argumenten bestritten. Eine Grundlage für eine dauernde kon¬ servative Parteibildung bot die saarländische Bevölkerungsstruktur nicht, und die Erfolge von freikonservativen Kandidaten waren nur dem Einfluß des bedeutendsten saarländischen Industriellen, des Freiherrn von Stumm, und seiner wiederholten eigenen Kandidatur zuzuschreiben15. Nach seinem Tode wurde kein Freikonservativer mehr gewählt. Da an der Saar eine breite großbürgerliche oder industrielle Schidit fehlte, wurde bereits damals deutlich, daß sich die Nationalliberalen und die Freikonservativen politisch ohne Wahlunterstützung durch die Arbeiterschaft nicht durchsetzen konnten. Der Nationalliberalismus behauptete sich in seiner starken Position an der Saar im Wahlkreis Saarbrücken bis zum Ersten Weltkrieg, da die oben skiz¬ zierte Sozialpolitik und die traditionsgebundene Haltung der saarländischen Arbeiterschaft zunächst durchgängig zu einer Anerkennung des politischen Führungscharakters der leitenden Beamtenschaft, der Industriellen und des besitzenden und gebildeten Bürgertums geführt hatten. Die politische Bevor¬ mundung wurde lange Zeit von der Arbeiterschaft als selbstverständlich hingenommen und auch noch in den neunziger Jahren und nach der Jahr¬ hundertwende durch Bespitzelung und Druck bei den Wahlen weiter auf¬ rechterhalten. Diese politischen und sozialen Verhältnisse führten auch dazu, daß erste Ansätze zur Bildung einer sozialdemokratischen Partei an der Saar ener¬ gisch unterdrückt wurden16. Auf Initiative Stumms wurde 1877 ein „Komi¬ tee der Arbeitgeber zur Bekämpfung der Sozialdemokratie“ gegründet, in dem alle Arbeitgeber, einschließlich der staatlichen Grubenverwaltung, ver¬ treten waren. Jeder Betrieb entließ die Arbeiter, die sich der Sozialdemokra¬ tie näherten, und diese Arbeiter wurden im Saarland nicht wieder einge¬ stellt. Dieses Vorgehen wie die Geisteshaltung der saarländischen Arbeiter¬ schaft ließen wiederholte Versuche der Sozialdemokraten, an der Saar Ein¬ fluß zu gewinnen, scheitern. Selbst Bebel vermochte durch sein Auftreten an der Saar die Verhältnisse nicht zu ändern. Das fast vollständige Fehlen der Sozialdemokratie und der Freien Gewerkschaften, die von den Arbeitgebern nicht minder heftig bekämpft wurden, bildeten bis zur Schwelle des Ersten Weltkrieges ein Kennzeichen des politischen Lebens an der Saar. Neben den Nationalliberalen und den Freikonservativen gelangte das Zen¬ trum nach 1870 zu steigendem Einfluß. In seinen agrarischen Randgebieten 15 Uber den Freiherrn v. Stumm: F. Hellwig, Freiherr von Stumm-Halberg, Fleidel- berg—Saarbrücken 1936. 16 Zum Kampf gegen die Sozialdemokraten und die Gewerkschaftsbewegung besonders: Gabel, a. a. O., S. 70—90. 26