56 Die Lehre vom Urteil nehmung und dem Denken, etwa zu dem Bewußtsein oder zu dem Willen in Beziehung setzen, ebenso unberechtigte Umdeutungen sind, wie die vorher- gehenden. Auch wenn man die eigenartige Relation der Unabhängigkeit herbeizieht, wird der Existenzgedanke nicht getroffen. Das Existenzialurteil in seinem schlichten Sinn besagt nicht, daß sein Gegenstand unabhängig vom Bewußtsein oder vom Willen sei. Diese beiden Urteile setzen andere Sachverhalte, und sie geben auf andere Fragen angemessene Antwort als das Existenzialurteil es tut. Das Existenzialurteil kann außerdem wahr sein, und zugleich können die Behauptungen, der Gegenstand dieses Urteils sei unabhängig vom Bewußtsein oder vom Willen, beide falsch sein, wie es z. B. bei demjenigen Existenzialurteil der Fall ist, das die Existenz einer Vor- stellung behauptet. Zwei Urteile können aber nicht bedeutungsidentisch sein, wenn das eine von ihnen wahr und zugleich das andere falsch sein kann. Schließlich könnte man noch auf den Versuch verfallen, nicht die seeli- schen Erlebnisse, sondern die ideelle Welt der Gedanken selbst als den zwei- ten Beziehungspunkt derjenigen intentionalen Relationen herbeizuziehen, die man für den Sinn des Existenzialurteils gebrauchen könnte. Setzt nicht das Existenzialurteil tatsächlich seinen Gegenstand zu den Gedanken so in eine Beziehung, daß es von ihm behauptet, er sei unabhängig von den Ge- danken? Sind nicht die Gegenstände, die nicht existieren, gerade diejenigen, die nur als intentionale Gegenstücke der sie entwerfenden Gedanken ein Sein haben? Und will die Frage, ob ein bestimmter Gegenstand existiere, nicht einfach wissen, ob der Gegenstand unabhängig von dem ihn meinenden Ge- danken sei? Jedenfalls hat diese Meinung eine große Wahrscheinlichkeit. Um so wichtiger ist es, auch hier zu erkennen, daß die Existenz nicht iden- tisch ist mit der Unabhängigkeit von den Gedanken, und daß das schlichte Existenzialurteil eine Umdeutung erfährt, wenn sein Sinn in die Behauptung gelegt wird, sein Gegenstand sei unabhängig von den Gedanken. Zunächst ist wieder zu beachten, daß das Existenzialurteil einen anderen Sachverhalt entwirft als das mit ihm identifizierte Urteil. Es bleibt bei sei- nem Gegenstand und dem, was ihm für sich zukommt. Das andere Urteil aber geht über diesen Gegenstand hinaus und setzt ihn in die Unabhängig- keitsrelation zu den Gedanken. Und die Frage, ob ein Gegenstand existiere, wird doch nicht völlig angemessen beantwortet durch die Behauptung, er sei unabhängig von den Gedanken. Man kann mit Recht erklären, daß man dieses nicht wissen wollte, und daß es wohl Gegenstände gebe, die, wie der Kreis, in gewissem Sinne zwar unabhängig von den Gedanken seien und doch nicht in eigentlichem Sinne existieren. Indem man nun darauf aufmerksam