26 Einleitung die Erkenntnis, speziell die wissenschaftliche Erkenntnis allerdings aus Urtei- len. Aber nicht jedes Urteil ist auch schon eine Erkenntnis. Sondern Urteile sind nur dann wirkliche Erkenntnisse, wenn sie nicht nur wahr sind, sondern wenn ihre Wahrheit auch ersichtlich oder erwiesen ist. Wer irgendeinmal ein Urteil aufgestellt hat, das zufällig wahr war, hatte damit noch keine Er- kenntnis gewonnen, solange er die W ahrheit dieses Urteils noch nicht ersicht- lich gemacht hatte. Die Wahrheit eines Urteils kann aber letzten Endes nur ersichtlich werden durch die Heranbringung des Verhaltens der von dem Urteil betroffenen Gegenstände an das Urteil selbst. Eine Untersuchung der Erkenntnis wird daher notwendig die Erkenntnisurteile nicht für sich, son- dern nur in Beziehung auf das Verhalten der von ihnen betroffenen Sachen betrachten müssen. Die Logik dagegen faßt die Urteile rein für sich ins Auge, ohne sie irgendwie zu messen an den bestehenden Sachverhalten, mit denen sie übereinstimmen wollen. Die Erkenntnislehre muß also notwendig ihren Gesichtskreis über den der Logik hinaus erweitern, indem sie die Be- ziehung der Urteile zu den gemeinten Gegenständen und ihrem Selbstverhal- ten in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung rückt. Um dies zu erreichen, hat sie sich den YLr\.em\X.T\\$gegenständen selbst, unabhängig von den Urteilen, die darauf bezogen sind, zuzuwenden. Dann hat sie auf der einen Seite die Urteile von bestimmtem Bedeutungsgehalt und bestimmtem Anspruch auf Wahrheit vor sich, auf der anderen Seite dagegen die Gegenstände selbst und ihre Fähigkeit, durch ihr Verhalten die bestimmten Ansprüche der Urteile auf Wahrheit mehr oder weniger vollkommen zu erfüllen. Um nun aber den Gegenständen der Erkenntnis selbst sich zuwenden zu können, muß sie den Standpunkt der Logik verlassen und einen ganz ande- ren Standpunkt einnehmen. Denn vom Standpunkt der Logik aus, der fest in der Sphäre der Gedanken verankert liegt, sind die Gegenstände nur als die gedanklich gesetzten und beziehen, vermeintlichen Unterlagen der Ge- danken, nicht aber so, wie sie an und für sich sein mögen, zugänglich. Man muß daher aus der Sphäre der Gedanken und Meinungen zurücktreten und in diejenige Sphäre eintreten, in der die gemeinten Gegenstände von sich aus in ursprünglicher Selbstheit sich darbieten, um nun erkennen zu können, wie sie sich selbst zu den Ansprüchen der Gedanken, die auf sie gerichtet sind, verhalten, und wie und wieweit sie die Wahrheit und die Richtigkeit der Gedanken ersichtlich zu machen vermögen. Von diesem erkenntnistheoreti- schen Standpunkt aus sind dann die Gedanken nicht mehr, wie vom logischen Standpunkt aus, gleichsam von innen und in ihrer Mittelachse, sondern gleichsam von außen und von der Seite aus gesehen.