Einleitung 17 duellen, so kann man die Gedanken nicht durch eine auf das individuelle, reale Denken gerichtete ideierende Abstraktion gewinnen. Vielmehr würde man auf diesem Wege immer nur zu gewissen Arten oder Gattungen des Denkens, dieses seelischen Tuns, gelangen. Keinerlei psychologische Be- obachtung oder Erkenntnis wird daher jemals Gedanken entdecken können. Wollen wir dabei bleiben, die Gedanken als Produkte des Denkens zu be- zeichnen, das Verhältnis des Denkens zu den Gedanken also als ein Pro- duktionsverhältnis zu betrachten, so müssen wir doch zugleich hervorheben, daß dieses Produktionsverhältnis ein absolut eigenartiges ist, das nicht mit irgendeinem anderen derartigen Verhältnis identifiziert werden darf, sondern in seiner einzigen Eigenart unberührt anerkannt werden muß. Eine systematische Wissenschaft von den Gedanken wird also diesen eigen- artigen Denkprodukten gegenüber die Aufgabe haben, das Wesen und die Arten der Gedanken zu erkennen; ihre letzten Elemente, aus denen sie auf- gebaut sind, herauszustellen; die Arten und die Gesetze des Aufbaues der verschiedenen Gedankenarten zu erforschen und die verschiedenartigen Ver- hältnisse, Beziehungen und Zusammenhänge, in denen Gedanken gleicher und verschiedener Art zueinander stehen, zu untersuchen. Freilich ergeben sich sogleich zwei verschiedene Gesichtspunkte der Er- forschung der Gedankenwelt. Man kann einmal jeden Hinblick auf die ästhe- tischen Wertqualitäten und die verschiedenen Stilarten der Gedanken unter- lassen und die Gedanken rein theoretisch untersuchen. Man kann aber dann gerade speziell die Wertqualitäten und die Stilarten der Gedanken ins Auge fassen und erforschen, wie diese durch die verschiedenartigen Formen und Zusammenhänge der Gedanken begründet sind. In diesem Falle zielt man auf die Gewinnung einer Ästhetik und Stillehre der Gedanken. Im ersteren Falle dagegen erstrebt man eine rein theoretische, systematische Wissenschaft von den Gedanken. Dieser theoretischen Wissenschaft allein sei im folgenden unsere Betrachtung gewidmet. Zusammenfassung: Wenn man also die naiv-expressionistische Art des Denkens verläßt; wenn man aufhört, ausschließlich den Gegenständen des Denkens zugewandt zu sein und die Gedanken nur unbeachtet nebenbei zu produzieren und sprachlich auszudrücken; wenn man dann auch über das kritisch-forschende Denken des Wissenschaftlers hinausgeht, der schon einen Nebenarm seiner, den Gegenständen zugewandten, Beachtung abgespalten und auf seine produzierten Gedanken über die Gegenstände zurückgebeugt hat; wenn man nämlich nun den Hauptarm der Beachtung ganz auf die ge- dachten Gedanken zurückbeugt, ohne jedoch die Gegenstände, auf die sich