Einleitung 15 kommen immer nur die Gedanken als solche in Betracht, gleichgültig, in welcher Weise sie gedacht werden. Das Denken umfaßt aber nicht nur das Vollziehen einzelner Gedanken, sondern auch das Schließen oder Folgern. Und auch dieses kann in sehr ver- schiedener Weise, analog den oben angegebenen, nämlich in naiver, oder in kritisch-forschender Gegenstandsuntersuchung, oder in reflektiv-logischer Gedankenuntersuchung geschehen. Ebenso ließen sich noch andere Weisen des denkenden Vollzugs von Schlüssen oder Folgerungen konstatieren. Doch da auch die Schlüsse oder Folgerungen als eigentümliche Gedankenverbin- dungen von all diesen besonderen Weisen ihres denkenden Vollzogenwerdens in ihrem Wesen unberührt bleiben, so kann die Logik der Schlüsse von der Untersuchung der Art und Weise, wie sie denkend vollzogen werden, völlig absehen. Der Logiker selbst muß freilich eine bestimmte Weise ihres Voll- zuges ausführen, aber eben nur ausführen, nicht zum Gegenstand seiner Untersuchung machen. Die Möglichkeit, Gedanken selbständig zum Gegenstand einer Wissen- schaft zu machen, beruht zunächst darauf, daß die Gedanken von dem Den- ken verschieden sind. Während das Denken ein realer, zeitlicher Vorgang ist, der jeweilig nur einem einzigen denkenden Subjekt angehört, sind die Ge- danken keine realen, zeitlichen Vorgänge, sondern ideelle, in sich zeitlose Gebilde. Alles, was man von den Gedanken mit Recht behaupten kann, daß sie nämlich sprachlich formuliert, ausgesprochen, mitgeteilt, dargelegt, niedergelegt, niedergeschrieben, aufgesammelt und geordnet werden kön- nen, hat in bezug auf das Denken keinen rechten Sinn. Das Denken kann man nicht niederlegen, aufsammeln und ordnen. Ebenso kann man zwar Gedanken, aber nicht das Denken aufnehmen, sich klarmachen, durchdenken, prüfen, einsehen und sich aneignen. Auch läßt sich das Denken nicht be- gründen, beweisen oder widerlegen, wohl aber kann man Gedanken begrün- den, beweisen oder widerlegen. Auf die Verschiedenheit der Gedanken von dem Denken weist außerdem die Tatsache hin, daß in zusammenhangslosem Denken eines und desselben, oder auch verschiedener, Individuen Gedanken gedacht werden können, die in engem Zusammenhang stehen, wie auch umgekehrt in einem zusammen- hängenden Denken gänzlich zusammenhangslose Gedanken gedacht werden können. Es ist daher auch nicht zu verwundern, daß der Widerspruch zwi- schen Gedanken ohne jeden Widerstreit desjenigen Denkens, in welchem sie gedacht werden, Vorkommen kann. »Zwei Seelen und ein Gedanke«, d. h. ein und derselbe Gedanke in numerisch und qualitativ verschiedenen Denkarten