2 Einleitung daß er ihr die Aufgabe einer Normwissenschaft, der Psychologie dagegen die Aufgabe einer Tatsachenwissenschaft vom Denken zuweist. Während die Psychologie erkennen solle, wie das Denken des Menschen tatsächlich ver- laufe, habe die Logik zu erkennen, wie dieses Denken verlaufen solle. Auch diese Bestimmung widersprach jedoch dem Wesen der Logik, so wie sie tat- sächlich vorlag, und führte außerdem nicht dazu, sie reinlich von der Psy- chologie abzusondern. Beide Versuche krankten an dem Grundfehler, der aus jener alten Defi- nition stammte, daß sie nämlich immerfort das Denken als den Gegenstand der Logik bestimmten. Die Logik selbst pflegte, außer in ihrer Einleitung, tatsächlich gar nicht vom Denken, weder wie es wirklich ist noch wie es sein soll, zu sprechen. So blieb schließlich der Eindruck zurück, daß es der Logik bisher nicht gelungen sei, mit ihrer Definition ihren Gegenstand und ihre Aufgabe klar und sachgerecht zu bestimmen. Um nun den eigentlichen Gegenstand der Logik klar und richtig heraus- zuschälen, folgen wir einerseits dem Hinweis jener Definition, indem wir uns dem Denken zuwenden, es kurz in seine unterscheidbaren Faktoren zer- legen und das auf suchen, was darin noch von keiner anderen Wissenschaft untersucht worden ist. Wir beachten dann andererseits, auf was für Gegen- stände die wirklich vorhandene Logik letzten Endes immer hingezielt hat. Es wird sich dann zeigen, daß jener Hinweis und diese Zielung gemeinsam auf ein eigenartiges Gegenstandsgebiet konvergieren, auf das sich eben ge- rade die Logik als eine theoretische Wissenschaft zu beziehen hat. Das Denken ist ein reales seelisches Geschehen, das sich in allen wachen, erwachsenen menschlichen Individuen sicher vorfindet. In jedem einzelnen Fall, den wir hier aufsuchen mögen, läßt sich an ihm eine Reihe von fünf Faktoren unterscheiden. Es gehört nämlich zu ihm erstens ein denkendes Subjekt, von dem das Denken ausgeht oder vollzogen wird. Dann zweitens natürlich das Denken selbst, als ein reales, in einem bestimmten Augenblick beginnendes, eine Zeitlang dauerndes und wieder aufhörendes seelisches Geschehen. In jedem solchen Denken wird drittens immer ein bestimmter Gedanke gedacht, der den Gedankengehalt dieses Denkens bildet. Dieser Ge- dankengehalt ist viertens bei denjenigen Menschen, die eine Sprache be- herrschen, immer mehr oder weniger vollständig und genau in gewissen sprachlichen Formen zum Ausdruck gebracht oder eingekleidet. Das den- kende Subjekt, das Denken und der sprachlich eingekleidete Gedankengehalt sind fünftens immer auf irgendeinen Gegenstand im allgemeinsten Sinne des Wortes bezogen. Diese fünf Faktoren sind nun durch ein Geflecht eigen-