2. Die Wendung zur Dialektik 397 reichender Beleg. Von Dilthey abhängig ist er ferner in seiner außer- ordentlichen, jedoch zum Relativismus führenden historistischen Ge- rechtigkeit und Unvoreingenommenheit, die ihn davon abhielt, einem einzelnen philosophischen Standpunkt oder System den vollständigen Vorrang vor einem anderen zuzusprechen. Er hat es zwar als seine Auf- gabe betrachtet, der „Anarchie der Systeme“ ein Ende zu bereiten, wie er unter wörtlicher Bezugnahme auf Dilthey in seiner bekannten Universitätsfestrede „Über Maßstäbe zur Beurteilung historischer Dinge“ (1916) gesagt hat. Doch auch sein Schicksal war es und mußte es sein, die angestrebte strenge und vereinheitlichend-kon- struktive Systematik nicht zu erreichen. Die Wendung zum Absolu- ten, auch die zur Anerkennung der Absolutheit des Begriffs floß für ihn aus einer persönlichen Entscheidung, aus einer Tat des Gewissens, dem die Verantwortung für diese Wendung übertragen wurde, nicht jedoch aus einer rein logischen und konstruktiv-syste- matischen Geisteshaltung. Wie jeden anderen Grundbegriff, so hat er auch die Idee der Dialektik nicht abgelöst von den historischen und psychologischen Umgrenzungen und Einschränkungen ihres Ent- stehens. Er selber hat sich der Dialektik noch nicht im eigentlichen Sinne als eines schöpferischen Denkinstrumentes bedient, auch keine genauere Theorie derselben in Angriff genommen. Aber er liebte sie und war, wo er sie bei anderen fand, ihr eifriger Freund und An- erkenner. Daß er nicht entschlossenen Mutes den Schritt zur kate- gorialen Verwendung der Dialektik tat, ist vielleicht der eigentliche Grund dafür, daß ihm die Ausbildung einer eigenen Geschichts- methodologie und Geschichtsphilosophie versagt blieb. Immerhin hat er die Materialien angegeben, aus denen er seine eigene Theorie glaubte dereinst aufbauen zu können (Der Historismus und seine Probleme, S. 240 u. ö.). Und unter diesen Materialien steht fast an erster, jedenfalls an sehr bevorzugter Stelle der durch- aus dialektisch zu verstehende und zu gebrauchende Entwicklungs- begriff, für den er eine entschiedene Vorliebe hegte. So stellt sein letztes großes Werk in seinen Hauptzügen eine tiefschürfende kritische Geschichte des historischen Entwicklungsbegriffs dar in Verbindung mit der Frage, wie von diesem Begriff aus „das logische Problem der Geschichtsphilosophie“ überhaupt zu formulieren und zu lösen sei. Er hat geradezu erklärt, der historische, also dialektische „Entwick- lungsbegriff hat eine universale und philosophische Bedeutung, die immer wieder aus ihm hervorbrechen muß“. Wenn dieser Begriff auch noch nichts über den Inhalt der historischen Ziel- und Sinnidee