396 VII. Die Erneuerung der Dialektik in der Gegenwart Vorbereitern für eine vertiefte Beschäftigung mit dem Problem der Dialektik. Das ist der Gewinn, den die Wendung zur Dialektik aus Diltheys Bemühen um eine Erkenntnistheorie der Geisteswissenschaf- ten ziehen muß. Er hat sozusagen die Stimmung für jene Wendung mitgeschaffen, indem er die Problematik der historischen Erkenntnis aufdeckte. In der Philosophie der Gegenwart werden Mittel und Wege zur Überwindung des historischen Standpunktes gesucht. Aber ebenso wie dieser aus der geschichtlichen Entwicklung folgerichtig hervorgegangen ist, so dient er der Systematik auch als negative Instanz und als Antrieb zur Beseitigung des in ihr enthaltenen Relativismus, von dem ja jede lebendige philosophische Arbeit aus inneren Motiven wegstrebt. Auf unseren Fall angewendet, läßt sich diese Entwicklung folgendermaßen kurz kennzeichnen: Es handelt sich um die Wandlung von einer im historistisch-relativistischen Sinne verstandenen Dialektik und Antinomik zu einer Auffassung und zu einem Gebrauch derselben in einem logischen und logisch-konsti- tutiven, d. h. kategorialen Sinne. Die Erkenntnis der von Dilthey immer wieder formulierten und oft in ergreifender Nachdrücklichkeit ausgesprochenen Divergenz zwischen der grundsätzlich aufrecht- zuerhaltenden rationalen Form der Wissenschaft und der mit allen Zügen der Individualität behafteten Irrationalität des Lebens bildet eine entscheidende Voraussetzung für die Erneuerung der Dialektik in der Gegenwart. Und wir haben weiter oben bereits versucht, zu zeigen, inwiefern diese Art der Dialektik sich unterscheidet von den früheren, sozusagen klassischen Formen. 2. Das Interesse am dialektischen Denken und die mehr oder minder deutlich ausgeprägte Hinwendung zu ihm sind begreiflicher- weise überhaupt jenen Forschern und Denkern eigen, die von den Geisteswissenschaften herkommen, und deren Gedankenbildungdurch diese Wissenschaften beeinflußt ist. Ich möchte in diesem Zusammen- hang zunächst nun auf Ernst Troeltsch das Augenmerk lenken. Bezeichnenderweise ist sein im Jahre 1922 erschienenes umfang- reiches Werk ,,Der Historismus und seine Probleme“ außer Wilhelm Windelband auch Wilhelm Dilthey gewidmet. Von diesem hat er die historische Methode gelernt und übernommen, von der er im Verlauf seiner geistigen Entwicklung und im Anschluß an den all- gemeinen Wandel zur strengeren Systematik allerdings wegstrebte, ohne diese Absicht planmäßig verwirklichen zu können. Dafür ist sein nachgelassenes, von ihm aber noch wortwörtlich ausgearbeitetes Werk ,,Der Historismus und seine Überwindung“ (1924) ein hin-