394 VII. Die Erneuerung der Dialektik in der Gegenwart d. h. sie widmet sich unmittelbar und ausdrücklich der Untersuchung des methodischen Wertes und der philosophisch-systematischen Trag- kraft der Dialektik, wie z. B. bei Nikolai Hartmann und Jonas Cohn, oder aber die philosophische Forschung ruht sozusagen unmittelbar auf dialektischer Grundlage, arbeitet mit ihr als Richt- schnur und baut sich auf ihr auf, ohne diese Voraussetzung einer besonderen methodologisch-analytischen Klärung zu unterziehen, wie z. B. bei dem späteren Georg Simmel, bei Ernst Troeltsch, bei Theodor Litt oder schon vorher bei Wilhelm Dilthey. Daß gerade die dynamistische Lebensphilosophie Veranlassung hat und nimmt, der dialektischen Methode sich zu bedienen, ist begreiflich genug. 2. Die Wendung zur Dialektik: Ihre Voraussetzungen und Motive und einige ihrer Hauptvertreter. Für die Wendung des Interesses zur Dialektik scheinen mir nun drei Ansatzpunkte maßgebend zu sein. Ihre Eigenart bedingt dann natürlich auch die besondere Form und Gestalt der von ihnen stammenden dialektischen Denkweise und die weitere Pflege der- selben. a) Von den Geisteswissenschaften und derTheorie derselben aus. Der erste, vergleichsweise wichtigste, weil einschneidendste und folgenreichste Antrieb kam von der Seite der Geisteswissen- schaften und von der methodologischen Beschäftigung mit der Grundlegung derselben. Die gewaltige Ausbildung der Geisteswissenschaften im 19. Jahrhundert ließ naturgemäß auch die Frage nach den methodischen Voraussetzungen dieser Wissen- schaften, nach dem Wesen ihrer Grundbegriffe und nach der ihnen eigentümlichen Erkenntnisart und Erkenntnisgeltung entstehen. Eine darauf eingestellte Erkenntnistheorie mußte zu der Einsicht führen, daß die traditionellen, in der Hauptsache durch das mathematische und mathematisch-naturwissenschaftliche Verfahren bestimmten Kategorien und Methoden, wie sie seit der Aufklärung und im An- schluß daran besonders durch den naturwissenschaftlichen Positivis- mus mit seiner Tendenz auf das Experiment und auf eine jeder Dialektik entzogenen Exaktheit zur Ausbildung gelangt waren, für die geisteswissenschaftliche Erkenntnis nicht dieselbe konstitutive