1. Einleitung 393 in der Gegenwart zu greifbarem Ausdruck in den mancherlei Be- mühungen um die Schaffung einer neuen, der gewandelten Zeit- stimmung angemessenen Methode. Diese Tendenz beschränkt sich nicht auf ein einzelnes Wissenschaftsgebiet; sie gilt vielmehr dem Begriff der Erkenntnis überhaupt. Sie äußert sich in den Umgestal- tungsversuchen, denen die zeitgenössische Psychologie unterworfen wird. Denn die Bestrebungen zur Schaffung einer Struktur- oder Gestaltpsychologie, ferner die phänomenologische Psychologie, dann die differenzierende, individualisierende, personalistische Psycho- logie usw. sind zu einem guten Teil aus methodischen Erwägungen hervorgegangen und methodisch gerichtet. Ebenso liegt es auf dem Felde der phänomenologischen Logik, deren Gegnerschaft gegen die traditionelle formale oder gegen die kritische, erkenntnistheoretische Logik wesentlich methodischer Natur ist. Auch der Kampf zwischen Kritizismus und Psychologismus oder derjenige zwischen Historis- mus und rein konstruktiver Systematik ist ein mit Weltanschauungs- momenten verbundener methodischer Kampf. Unter diesen mannigfachen Versuchen, die auf die Entwicklung einer dem gegenwärtigen Zeitgeist angepaßten und entsprechenden Methode hinzielcn, erregen unsere Aufmerksamkeit nun besonders die der Erneuerunggerade der Dialektik dienenden Bestrebun- gen. Denn eine ganze, der Zahl und der sachlichen Bedeutung nach wichtige und beachtenswerte Bewegung in der Philosophie der Gegen- wart strömt auf diesen Punkt zusammen. Und indem sie jene Er- neuerung bezweckt, sind gerade diese Bemühungen nach unserer Auffassung charakteristisch für unsere Zeit. Es sei gestattet, als erste Frage unserer Betrachtungen zu erwägen, aus welchen allgemeinen Voraussetzungen und Mo- tiven ein wesentliches und bezeichnendes Stück der Arbeit der jetzigen Philosophie zu diesem Punkt konvergiert, und wer von den Philosophen der jüngsten Vergangenheit und der Gegenwart an dem Problem der Dialektik interessiert ist. Dabei möchte ich hier von der Behandlung der naheliegenden, mehr kultur- geschichtlichen Frage absehen, ob und inwiefern jenes spezifisch wissenschaftliche Interesse an der Dialektik als ein Niederschlag der allgemeinen Dialektik zu deuten wäre, von der unser gesamter Zeitgeist so tief ergriffen ist. Jene, aus rein wissenschaftlichen Gründen hervorgehende Be- wegung zur Dialektik weist wesentlich zwei Hauptrichtungen auf. Entweder gestaltet sie sich ausgesprochenermaßen methodologisch,