390 VI. Die Dialektik der Metaphysik engen. Es gehört zum geistigen Bilde unseres Wesens, daß die unauf- hebbare Korrelation und die damit gegebene Spannung zwischen dem Absoluten und dem Relativen uns mit aller Schärfe bewußt geworden ist, und daß wir weder den einen noch den anderen Faktor unseres und alles Seins überhaupt in seiner Bedeutung preisgeben oder auch nur schmälern können. Gegenüber dieser Erkenntnis und den aus ihr fließenden Folgen hat es der Vertreter des em- piristisch-relativistischen Standpunktes oder derjenige des ab- solutistisch-metaphysischen verhältnismäßig leicht und bequem. Er hat es ebenso leicht wie beispielshalber der einseitige Rationalist oder der einseitige Irrationalist. Die unerträglichen Engheiten aller dieser Standpunkte und Betrachtungsweisen werden so schnell übersehen oder mit in Kauf genommen, weil sich von ihnen aus so einfach-einheitliche Welt- und Lebensanschauungen entwickeln lassen. Oft handelt es sich nur um Pseudo-Einheiten und um Pseudo-Einheit- lichkeiten. Aber schon der Eindruck der Einheit und Einheitlichkeit erweckt den Eindruck der Wahrheit und verführt zu der Ansicht, nun endlich das endgültige System der Metaphysik gefunden zu haben. Gerade auf unserem Gebiet kann das Mißtrauen gegen alle zu schnell aufgestellten Einheiten und gegen die Vertretung aller zu „einheit- lichen“ Standpunkte und Methoden nicht stark genug sein. Und wir müßten eigentlich gegen die Hingabe an solche „Einheitlichkeiten“ durch den Kursus des Denkens und Wertens, den wir unter der Führung der historischen Geisteswissenschaften durchgemacht haben, hin- länglich gewappnet sein. Das Suchen nach einer Einheitsformel zum Zweck der metaphysischen Deutung der Geschichte und das mensch- lich begreifliche Verlangen nach dem Besitz und der Anwendung einer solchen Formel dürfen mit der Problematik dieses Besitzes nicht verwechselt werden. Das Leben im Endlichen bedeutet Kampf, bedeutet das Er- fülltsein von Spannungen und Antinomien — ein Kampf, der nicht minder groß ist als derjenige, den wir Menschen dadurch in uns und für uns zu führen haben, daß wir sowohl am Unendlichen als auch am Endlichen teilhaben. Jenem erstgenannten Kampf ent- weichen, heißt aus dem Leben fliehen, heißt die Größe und die Schönheit des Lebens mißachten, heißt die Aszese ungebührlich höher achten als den Heroismus. Wer die traditionellen Einheits- formeln und Einheitsvorstellungen über das Wesen und den Wert des Seins und besonders des menschlichen Daseins mit gläubigem Ent- gegenkommen für sich annimmt, beweist und betätigt damit einen