2. Die Krisis der Metaphysik 345 2. Die Krisis der Metaphysik. Um eine umfassende und vorurteilslose Würdigung der Meta- physik zu erreichen, gilt es, zu beachten, daß für ihre Entstehung, für ihre Ausbreitung und für das Maß ihrer Geltung ohne Zweifel stets neben theoretischen und spekulativen Momenten auch „prak- tische“ Antriebe wirksam sind. In der Tiefe unseres Wesens waltet eine heimliche, bisweilen verschwiegene und halb unterdrückte, bisweilen in einer geheimnisvollen Unruhe sich entladende Lebens- angst, die zu den merkwürdigsten Grunderscheinungen des mensch- lichen Daseins gehört. Im Verlauf unseres ganzen Buches sind wir diesem Phänomen der Lebensangst wiederholt begegnet. Eine Unter- suchung ihres Wesens stellt eines der ergiebigsten und reizvollsten Kapi- tel der Phänomenologie des menschlichen Geistes dar. Und gerade eine Phänomenologie der Metaphysik darf diese Aufgabe nicht unbeachtet lassen (vgl. das Kapitel über die Metaphysik der Lebensangst, S. 265). Um nun von dieser metaphysischen Lebensangst frei zu werden, holt die listenreiche Vernunft des Menschen, oft unbewußt, die ver- schiedenartigsten Hilfsmittel herbei. Zu diesen Mitteln ist auch die Metaphysik zu zählen. Es ist nicht abwegig, auch sie wenigstens in einer Hinsicht als eine Waffe im Kampf des Lebens und im Kampf uni das Leben aufzufassen. Und die Metaphysik gewährt die er- hoffte Hilfe dadurch, daß sie die Wirklichkeit als eine vernünftige Einheit zu beweisen sucht, die in ihrem Grunde und in ihrem ganzen Aufbau die Züge vernünftigen Geschehens zeigt. Eine solche meta- physisch-idealistische Verklärung der Wirklichkeit pflegt an der Befriedigung des allgemeinen menschlichen Bedürfnisses nach be- ruhigender Ordnung mitzuhelfen. Die metaphysische Erkenntnis, die die Herrschaft eines allmächtigen Vernunftprinzips betont, dient nicht bloß der Beantwortung theoretischer Fragen, sie hilft auch in einem nicht gering zu veranschlagenden Grade der Beschwichtigung moralischer Sorgen und Konflikte und weltanschaulicher Nöte. In- dem die Metaphysik der Befriedigung des menschlichen Harmonie- bedürfnisses dient, das oft in sehr energischer Weise durchbricht, erweist sie der menschlichen Sehnsucht und der geschichtlichen Kultur eine nicht geringe Hilfe. Sie übt in dieser Beziehung so etwas wie eine religiöse Funktion aus. Das geschieht besonders in denjenigen Zeitaltern oder bei denjenigen Geschlechtern, die sich der Naivität und Unmittelbarkeit des religiösen Glaubens ent- fremdet und mit spiritualistischen Neigungen erfüllt haben.