1. Die Beanstandungen der Metaphysik 337 zeigte und zeigt die Metaphysik sich immer wieder darum bemüht, den Zugriff dieser Einwände abzuwehren und sich ihm zu entziehen. Aber mit demselben siegesgläubigen Selbstbewußtsein und mit der- selben hartnäckigen Entschiedenheit, mit denen sie sich jenen Ab- weisungen und den Bemühungen um die Fortdauer ihrer eigenen Existenz und um ihre Selbstrechtfertigung hingab, erstanden ihr, ganz gleich von welchen Voraussetzungen aus und unter welchen methodischen Leitideen diese Angriffe vorgenommen werden moch- ten, immer wieder neue, nicht weniger selbstbewußte und von dem Gelingen ihrer Absichten überzeugte Feinde. Im Reich des Denkens und der konkreten, positiven Forschung gibt es keine Möglichkeit, keine Gedankenform, keine Gedanken- richtung, keine Erkenntnismaxime, überhaupt keine Einstellung und keine weltanschauliche oder wissenschaftliche Folgerung, die nicht für die Versuche einer Widerlegung der Metaphysik benutzt worden sind. Nicht selten sind die Fälle, in denen ein geistreichelndes Spiel von Spott und Hohn mit ihr fertig werden zu können glaubte. Ist dieses Verhalten fast regelmäßig nur der Niederschlag eines bla- sierten und mondän tuenden Skeptizismus, so entfaltet sich in einer anderen Einwandgruppe der Ausbruch einer ernsten Entrüstung. Als bedrohe die Metaphysik mit ihrer — angeblichen — Mystik den ge- sunden Menschenverstand, als verführe sie zu nichtssagenden Re- densarten und zu dem gefährlichen Glauben an die Existenz will- kürlich konstruierter Wesenheiten, deren Dasein und Geltung auf nichts anderem als auf der haltlosen Verdinglichung leerer Worte und Begriffshülsen beruhe. Die Einwände, die unter der Führung dieser Motivierung vorgebracht werden, sind sehr alt; sie sind aller- dings auch sehr oft widerlegt worden. Aber sie scheinen doch ein sehr zähes Leben zu haben, und es ist ganz angebracht, sich mit ihnen allen Ernstes auseinanderzusetzen. Für sie spricht nicht nur die wissenschaftliche Einkleidung, in der sie sich geben, sondern auch eine sehr beachtenswerte kritische Gesinnung. Für sie spricht die — scheinbare — Sachlichkeit und Kälte einsichtig begründeter und begrifflich entwickelter Widerlegungsbeweise. Andere Gruppen von Ablehnungen der Metaphysik hingegen sind nur Zeugnisse leicht durchschaubarer Mißverständnisse. Diese Mißverständnisse kommen aus den verschiedensten Quellen. Eine nicht selten anzutreffende Quelle ist eine gewisse gedankliche Leicht- fertigkeit, die es bewußt oder unbewußt verabsäumt, sich in die Be- deutung der Metaphysik mit der erforderlichen Strenge hinein- Liebert, Dialektik. 22