242 IV. Die Metaphysik der Dialektik System. Die Dialektik der Interpretationen und die Dialektik der Lösungen erheben sich oft bis zur vollen Höhe eines Mythos. Die meisten Interpretationen sind, und zwar aus völlig erklärlichen Grün- den, durchaus mythische Bilder, wie wir schon früher angedeutet haben (S. 204f.). In dem Mythos, den eine Zeit oder ein einzelner Ausleger von dem Wesen eines Systems zeichnet, befreit die Deutung sich aus der Bewegung der Dialektik. Sie schafft sich in ihm ein festes, ein als bündig und schlüssig anerkanntes Bild des betreffen- den Systems. Ein solches Bild, ein solcher Mythos wäre nicht möglich und nicht nötig, wenn die in dem Mythos gedeutete System- gestalt nicht dialektischer Natur wäre. Ohne die Voraussetzung der Dialektik würde eine Interpretation verblassen zu dem Schatten eines formalen Nachdruckes der Lösung. Alsdann aber wäre sie keine Interpretation, sondern lediglich eine nichtsbesagende tech- nische Abschrift. 2. Die Dialektik der philosophischen Fragen: Die Dialektik des Problems. Die Dialektik der philosophischen Lösungen ist jedoch gleichsam nur die Außenseite und Oberfläche der philosophischen Grund- und Urdialektik. Die Erkenntnis des Wesens dieser Urdialektik und die Überzeugung ihrer Unaufhebbarkeit und zugleich ihrer Fruchtbarkeit steigern und stärken sich bei einer Betrachtung der Struktur der philo- sophischen Fragen. Denn sobald die Frage selber zum Problem gemacht wird, d. h. die Frage in ihrer grundsätzlichen philosophischen Bedeutung, also der Begriff der Frage, dringen wir tiefer in das Herz jener eigentümlichen Geistigkeit, Geisteshaltung und objektiven Geistesstruktur ein, die allgemein als Philosophie bezeichnet wird. Schon in dem der Philosophie eigentümlichen und oft rücksichts- los sich äußernden Streben nach Vereinheitlichung und Systematik spricht sich ein unmittelbarer und nicht mißzuverstehender Hinweis auf jene Antinomik und Problematik aus. Daß dabei der Begriff der Antinomik und Problematik nicht im Sinne des Relativismus, nicht im Sinne der Behauptung zu nehmen ist, als sollte gesagt werden, daß in der Philosophie alles ,,antinomisch“ und „problema- tisch“ sei, braucht nicht ausdrücklich betont zu werden. Der hier vertretene Gedanke der immanenten und innerhalb der eigentlich philosophischen Betrachtungsweise nicht restlos auflösbaren antino- mischen Dialektik der Philosophie hat mit irgendeinem Skeptizismus