1. Die Dialektik der philosophischen Lösungen 241 Spannung genauere Beachtung schenken. An dieser Stelle kann es für unseren Zweck zunächst genügen, auf diese Spannung hin- gewiesen zu haben. Ihre Hervorhebung ist nicht eigentlich neu. Aber sie ist für unsere Absicht keineswegs nebensächlich. Denn diese Absicht besteht in der möglichst umfassenden systema- tischen Aufdeckung der tiefen, unaufhebbaren, durch- aus systematischen, konstruktiv überaus fruchtbaren Dialektik der Philosophie, und zwar sowohl der theore- tischen als der praktischen Philosophie, sowie jeder auf der theoretischen und der praktischen Philosophie auf- gebauten Weltanschauung. Die Dialektik ist für die Phi- losophie schlechthin unentbehrlich. Sie istfürsieschlecht- hin konstitutiv und regulativ; sie ist ihre Hauptmethode und ihr vorzüglichstes Konstruktionsprinzäp, das alle ihre Gebiete durchwaltet, ja trägt, das in ihren Begrün- dungen, ihren Grundlagen, ihrem Aufbau und in ihren Lösungen von maßgebender Wirksamkeit ist. Dialektisch aber sind und bleiben auch die Folgerungen, die sich aus der Grund- dialektik der Philosophie ergeben. Und die tiefe Antinomik und Aporetik dieser Folgerungen darf nicht zugunsten eines schnell- bereiten Harmonismus und Monismus verkannt oder verdeckt werden. Diese objektive Dialektik der Lösungen bekundet sich auch in der dialektischen Vielheit von Interpretationen der Philosophie und der einzelnen philosophischen Systeme, in erster Linie der Haupt- systeme. Der Umstand, daß über den Sinn z. B. des Platonismus oder des Kritizismus alles eher als eine auch annähernde Einheit der Auf- fassungen erzielt bzw. erzielbar ist, erweckt doch die Vermutung, der Tatbestand zwinge von sich aus zu einer Mehrheit von Ansichten, und zwar darum, weil in ihm bereits selber eine Mehrheit von Ein- stellungen und Voraussetzungen, von rationalen und von irrationalen Antrieben und Gesetzlichkeiten, von Gedankenformen und Gedan- kentendenzen und eine Mannigfaltigkeit verschiedenartiger, verschie- denwertiger und verschiedendeutiger Strukturfaktoren angelegt und wirksam sind. Eine Aufgabe von hohem Reiz, der Dialektik der Interpretationen nachzugehen. Die Dialektik der Lösung kehrt hier in einer etwas vertiefteren und komplizierteren Gestalt wieder, und zwar insofern, als jede Interpretation gleichsam die Wiederholung einer Lösung, die Lösung einer Lösung darstellt. Sie gilt zunächst nicht dem ursprünglichen Problem eines Systems, sondern zunächst der Behandlung bzw. Lösung des Ursprungsproblems durch jenes Liebert, Dialektik. 16