1. Die Dialektik der philosophischen Lösungen 239 sichtbar; und wenn der innige und unaufhebbare Zusammenhang zwischen der Systematik und der Geschichte der Philosophie be- rechtigtermaßen hervorgehoben zu werden pflegt, so darf jene Dialek- tik im Wesen der Geschichte der Philosophie nicht außer acht ge- lassen werden. Zwischen der eigentlichen Systematik der Philo- sophie als einem aus metaphysischen Voraussetzungen konstruktiv entwickelten Zusammenhang von Begriffen und der empirischen, in den positiven Lehren der Philosophen urkundlich zum Ausdruck gelangenden Geschichte besteht eine merkwürdige Beziehung. Gerade an der Grenze der empirischen Philosophiegeschichte beginnt die metaphysische Zone der Philosophiegeschichte und damit die Syste- matik der Philosophie. Es ist sachlich berechtigt, wenn man von der Geschichte der Philosophie spricht und das Studium dieser Geschichte für den Zweck des Eindringens in die philosophische Systematik empfiehlt, von der ungeschichtlichen, von der absoluten Geschichte der Philosophie zu sprechen. Und dieser absolute meta- physische Vernunftgehalt in jeder philosophischen Leistung erlaubt und berechtigt uns, überhaupt in ihr die „Lösung“ einer Frage zu erblicken. Weil also jede philosophische Lösung auf der außer- bzw. un- geschichtlichen Gesetzlichkeit der autonomen Vernunft beruht, so leuchtet sie im Lichte der Absolutheit und der metaphysischen End- gültigkeit. Dennoch — und damit berühren wir ihre andere Seite — haften ihr trotz aller ihrer zweifellosen Vernunftabsolutheit die Dynamik der Unruhe und der Unfertigkeit und das echt geschicht- liche Schicksal einer immer unzureichenden, einer niemals restlosen Erledigung ihres Problems mit nicht zu übersehender Schärfe und Eindringlichkeit an. Gewiß wird zu einem Teil ihre Struktur be- stimmt und beherrscht durch die ewigen Regelungen der Metaphysik, die sich in unzeitlichen Typen und Sinnesgestalten darstellen, und deren Aufweisung und Kennzeichnung zu den Hauptaufgaben einer Charakterologie und Phänomenologie der Metaphysik gehören. Zum anderen Teil sind es doch aber unverkennbar historische und histo- risch bedingte Mittel, mit deren Hilfe die Philosophie die Behandlung und Lösung ihrer Fragen und Aufgaben unternimmt. Bei einer ge- naueren Betrachtung gerade dieser Art von Mitteln zeigt sich schnell, daß sie ihrer wesentlichen Natur nach nicht sowohl dem überpersönlichen Zusammenhang der philosophischen Systematik als vielmehr der Besonderheit der philosophischen Persönlichkeit ent- stammen. Daß es gerade diese Gesichtspunkte und Methoden sind