236 III. Der dialektische Idealismus hebt uns des Dilemmas, zwischen einer substantialistischen und einer phänomenologischen Auffassung wählen zu müssen. Es hieße, ein irreführendes Licht über unsere Auffassung verbreiten, wollten wir für eine substantialistische Dialektik eintreten, also die Dialektik ontologisieren. Alsdann wäre sofort die Frage aufgeworfen bzw. aufzuwerfen, wie das Verhältnis der Dialektik als Substanz der Dinge zu den tatsächlichen dialektischen Prozessen innerhalb der Welt der Gesellschaft und der Geschichte sich stellt, eine leere Frage von unserem Standpunkt aus, eine Frage, die auf einen — unhalt- baren — metaphysischen Dualismus sich stützt, über den wir ebenso hinaus sind wie über seinen — nicht minder haltlosen — Gegenspieler, den metaphysischen Monismus (vgl. oben S. 179 ff). Schließlich weicht unsere Ansicht vom Wesen der Dialektik von derjenigen der „klassischen“ Dialektiker auch in ethisch-welt- anschaulicher Beziehung ab. Diesen Klassikern handelte es sich stets um eine das Gemüt und seine Unruhe befriedigende Apologie: In der Harmonie des Absoluten und in der Absolutheit der Harmonie sind alle Übel, Konflikte, Unstimmigkeiten beseitigt. Ganz tief, ganz innerlich ist der „klassischen“ Auffassung der Dialektik ein recht starker christlicher und christianisierender Zug beigemischt. Es fehlt ihr von Grund aus die Anerkennung des tragischen Gehaltes der Dialektik; sie nimmt dieser Tragik der Dialektik ihre Autonomie.