2. Die Idee der Dialektik bei Kant 163 daß sie umgekehrt einander fordern, daß sie im tiefsten Sinne des Gedankens zueinander gesetzt sind, also zueinandergehörende „Gegensätze“ bedeuten. Und ferner folgt aus dieser Erkenntnis das hohe, das unbestreitbare Recht, ja, die zwingende Notwendigkeit der kategorischen Betonung und der systematischen Darstellung der „Synthesen“ durch Kants kritische Philosophie. Seine Philosophie ist „Kritik der Vernunft“ in wunderbarer Gliederung und Archi- tektonik: Sie nimmt ihren Anfang von den theoretischen Synthesen der Anschauungsformen von Raum und Zeit, den Grundsynthesen der Mathematik, wendet sich dann zu den Synthesen der „Ver- standesbegriffe“ und der „synthetischen Grundsätze“, steigt auf zu den „Ideen“ und zu den „Postulaten“, den grundlegenden synthe- tischen Formen der Vernunft, verfolgt also die ganze Tätigkeits- breite und Variationsweite der Vernunft, um schließlich in der Her- ausarbeitung der tiefsten, der schlechthin maßgebenden Vernunft- synthese zu münden, der ideellen Synthese der Freiheit. 2. Die Idee der Dialektik bei Kant. Nun hat der Schöpfer des Kritizismus bei seiner Arbeit an der systematischen Architektonik der Aufbausynthesen die „Stamm- begriffe des reinen Verstandes“ bekanntlich zu einer berühmten „Kategorientafel“ zusammengefaßt und damit eine Pflicht erfüllt, die jede wirklich wissenschaftliche und systematische Philosophie zu beachten hat. Denn in irgendeinem Sinne muß jede konstruktive Philosophie eine „Kategorienlehre“ sein und eine „Kategorientafel“ aufstellen. Der dafür ausschlaggebende Grund ist schon aus den Bemerkungen der unmittelbar vorangehenden Absätze ersichtlich. Ebenso hat Kant die „synthetischen Grundsätze a priori“, die „Schemata“ des Verstandes und die „Vernunftideen“ in einer ge- gliederten Übersicht zu einheitlicher Aufstellung gebracht. In der Literatur ist an diesen Tafeln und Aufstellungen sehr viel herum- gebessert, nicht selten auch vieles verschlimmbessert worden. Daß Kant aber auch den Begriff der Dialektik als einen Grundbegriff, besser als eine Grundidee (der Vernunft) erkannt, herausgehoben und in seiner eigentümlichen, nämlich dialektischen Geltung gekenn- zeichnet hat, das ist eine bis jetzt kaum hinlänglich gewürdigte Leistung. Wohl ist bereits außerordentlich häufig Kants Ablehnung der Dialektik beachtet und als eine sehr hohe kritische Tat anerkannt worden. Wohl hat man bemerkt, daß diese kritische Ablehnung der li*