III. Der dialektische Idealismus. 1. Die Idee der Synthese bei Kant. Jeder Begriff ist, zunächst seiner Form nach, eine Relation, er ist Vollzug und Ausdruck einer Beziehung, er ist Synthese. Die Wichtigkeit und die Häufigkeit dieser synthetischen Vollzüge können wir nicht hoch genug veranschlagen. Schon die erste Tat des Geistes beim Kinde, um einmal psychogenetisch zu sprechen, ist Herstellung eines Zusammenhanges, ist Schlagen einer Verbindung, ist Brücken- bauen. Diese synthetischen Formungen bekunden sich in jeglichem Akte des Geistes, bekunden sich in schlechthin zahllosen Fällen und Gestalten, sind immer und überall wirksam, wo der Geist gesund und positiv tätig ist. Ohne Synthese auch keine Analyse: Wir können nichts voneinander trennen, was wir nicht irgendwie in eine Beziehung zueinander gesetzt haben, und sei es selbst diejenige Beziehungdes Einanderausschließens, des gegenseitigen Entfremdens. In der Synthese äußert sich eine Urfunktion des Geistes, die dann in eine ungeheuere Fülle von Stufen und Ausprägungen abge- wandelt wird, stets aber Synthese ist. Schon in der einfachsten Wahrnehmung und in der sinnlichen Feststellung arbeitet grund- legend und schöpferisch diese geistige Urfunktion. Auf ihr ist die ganze gewaltige Welt der Erkenntnis, der Theorie ebenso aufgebaut wie die Welt der Tat und der Praxis. Erzeugen heißt, Synthesen vollziehen. Wir denken uns den Beginn der Welt, die Weltschöp- fung weniger als ein Erschaffen ihres Seins denn als ein Herstellen von Ordnung und Ordnungen zwischen ihren Teilen und Gliedern. Auch nach der Vorstellung des alten Mythologen und Priesters, der uns die Schöpfungssage erzählt, ist Gottes Tun auf ein „Scheiden“ zwischen Himmel, Wasser und Erde gerichtet, denen er ihre Stelle und Grenze anweist. Er ordnet sie also zueinander; er stellt die Synthese des Kosmos auf und schafft mittels dieser Synthese das System des Kosmos; er schafft auf Grund seiner allmächtigen Syn- these den Kosmos als Einheit und Ordnung. Indem er jedem Teil durch die Systematik dieser Synthese seinen Platz gibt, stiftet er für Liebert, Dialektik. 11