5. Das religiöse Motiv 153 c. Die Erlösungsfunktion der Metaphysik. In unserem Falle äußert sich jene praktische Tragweite als die Vorbereitung zu der seelischen Befreiung und Erlösung von dem haftenden Drucke des Erfahrungs- bereiches, von der gesetzlichen Schwere, in der unser Selbst befangen und gefangen erscheint. Seine Gegenständ- lichkeit verliert in jener metaphysischen Einstellung seine Selbst- genügsamkeit; denn es selber wird ja als Vorbereitung, als Vor- stufe, als Übergang zu dem wahrhaft Absoluten der göttlichen Über- welt gedeutet und gewertet. Auf Grund der Wirksamkeit des religiösen Motivs fragt die Metaphysik nicht sowohl nach dem, was sich in unserem Innenleben tatsächlich begibt, und was dieses seiner objektiven phänomenologischen Beschaffenheit nach ist, und worauf die Psychologie in jeder ihrer Spielarten eingestellt ist. Sie fragt vielmehr über diesen Beschaffenheitszustand hinaus nach seiner Bedeutung für den absoluten Sinn des Lebens, nach seiner Stellung in demjenigen und für denjenigen Entwicklungsprozeß, der zur Erfüllung unserer höchsten Daseinsbestimmung führt. Verdient nun diese Betrachtungsweise nicht den Vorwurf des Mangels an wissenschaftlicher Unvoreingenommenheit und Objektivität? Doch nicht. Denn wer ihn erhebt, begeht den Mißgriff, daß er auf jene Betrachtungsweise wieder diejenigen Maßstäbe, die für die Methode des wissenschaftlichen Positivismus gelten, zur Anwendung bringt. Wir haben von der Unzulässigkeit einer solchen Beurteilung der Metaphysik bereits gesprochen. Die positive Wissenschaft hat eine Erscheinung oder eine Erscheinungsgruppe dann erkannt, wenn es ihr gelungen ist, sie der Einheit derjenigen Gesetzlichkeit einzu- reihen, die für sie als Wissenschaft kennzeichnend ist. Die Meta- physik hingegen blickt bei der Betrachtung einer Erscheinung über die gesetzliche Bindung derselben hinaus auf die höchste Idee und das höchste, abschließende Prinzip, durch die die Erscheinung nicht sowohl ihrer tatsächlichen empirischen Beschaffenheit nach, als vielmehr in ihrem Wesen bedingt ist, und durch die das Schicksal der Erscheinung gebildet wird. Metaphysische Fragen sind immer Schicksalsfragen; sie fragen nach dem Schicksal einer Erscheinung und übergreifen bereits in ihrer Intention den Umkreis und die Geltung einer positivistischen Antwort. So fragt die Metaphysik nach dem Schicksal unseres Innenlebens und sucht die Antwort von der Aufstellung einer