150 II. Von der Pflicht zur Metaphysik Betrachtung besitzt. Indem sie von einer absoluten Überwelt aus begriffen und gewertet wird, mindert sich ihr positivistischer Daseins- sinn, wird sie ihrer Selbstherrlichkeit entkleidet, entschleiert sie sich als das, was sie „eigentlich“ ist, als eine eben nur endliche, nur irdische Größe, die ihr Recht von einer höheren Instanz aus emp- fängt. Um auch nur als „Erscheinung“ gelten zu können, bedarf sie der Rechtfertigung durch das Absolute und Ewige, bedarf sie der Bezogenheit auf dasselbe. Ohne die wissenschaftlich feststellbare Objektivität der Er- scheinungswelt zu diskutieren, stiftet der Geist der Religion doch zwischen ihr und der Sphäre des Absoluten eine dialektische Ver- bindung. Diese Verbindung hat keineswegs jenen Charakter der „Krisis“, wie die sogenannte dialektische Theologie von Barth, Gogarten, Brunner lehrt, die unter dem Begriff der Krisis einen voll- kommenen Bruch und die vollständige Gegensätzlichkeit zwischendem Relativen und dem Absoluten behauptet. Eine solche Auffassung ist mit dem Begriff der Dialektik unvereinbar, da dieser Begriff den- jenigen der Wechselbeziehung einschließt. Auf der anderen Seite verhindert die von uns vertretene Idee der Dialektik auch eine gar zu starke Angleichung des Endlichen an das Unendliche. Die Tragik der Spannung gehört zu unseres Fleisches Erbteil. Die Dialektik widerspricht dem gefährlichen Harmonismus, zu dem eine pantheisti- sche Weltauffassung mehr oder minder neigt und verführt. Wir Menschen bleiben immer in jener Dialektik zwischen dem Absoluten und dem Endlichen, dem Transzendenten und dem Immanenten befangen. Ebenso waltet zwischen dem Begriff des Absoluten und dem Begriff des Relativen in logischer Beziehung eine bis zur aus- gesprochen begrifflichen Paradoxie gesteigerte Spannung, die durch keinen spekulativen Harmonismus aufgehoben werden kann. So sehr der Geist der Religion auf die Sphäre des Absoluten gerichtet und erst in ihr heimisch sein mag, so sehr braucht er doch auch das Endliche und Unvollkommene. Denn nur an diesem und durch dieses vermag das Ewige seine Macht und seine Herrlichkeit zu offenbaren. Der Geist der positiven Wissenschaft fragt ab- sichtlich nicht über das Endliche hinaus. Auf diesem grundsätz- lichen und methodischen Verzicht beruht ein Hauptteil seiner Leistungsfähigkeit. Ganz im Gegenteil fragt und sieht, drängt und fordert das religiöse Motiv der Metaphysik — im Verein mit dem moralischen — über das Endliche der Erscheinung hinaus. Und schon in diesem Hinausfragen und Hinaussehen klingt in mystisch-