134 II. Von der Pflicht zur Metaphysik physikineinemgeradezu unerhörten gedanklichen Durch- bruch durch die Welt der Erscheinungen und durch die scheinbare unverletzliche Strenge ihrer Gesetzlichkeiten aus! Das geschieht dadurch, daß wir den Mut, ja, die Dreistigkeit und Vermessenheit zu einer Bewertung der Welt aufbringen. Wir vollziehen diese Bewertung durch die oben erwähnte Aufstellung eines absoluten Wertes und Sinnes, eine der kühnsten metaphysi- schen Handlungen des menschlichen Geistes, durch die er schlecht- weg über sich hinaustritt, durch die er sich nicht bloß den Anschein gibt, als könnte er Gott in die Karten gucken, sondern durch die er sich geradezu zur Rolle Gottes erhebt. Denn diese Bewertung ist nicht der bloß subjektiv gültige Ausdruck einer Deutung und somit nicht bloß auf den Geltungsumfang einer solchen Deutung be- schränkt. Die metaphysische Weltbewertung geht nicht von dem Standpunkt des interpretierenden Bewußtseins aus, sondern von der Überzeugung, daß „hinter“ den Erscheinungen ein objektiver und absoluter Wert und Sinn primär vorhanden ist. Also ist jene Wertaufstellung etwas ganz anderes als die erst hinterherkommende Folge der Hypostasierung und Verdinglichung eines primären Wert- erlebnisses. Sie ist sozusagen kein psychologischer Vorgang, sondern besitzt die denkbar größte Ähnlichkeit mit dem Wesen und der Naivität des religiösen Glaubens. Auch dieser Glaube verwesent- licht nicht erst seine Inhalte, um die objektive und absolute Sphäre der Religion aufzubauen, sondern er ist umgekehrt von der Über- zeugung abhängig, daß a priori vor ihm eine solche absolute objektive Sphäre tatsächlich besteht. Für die Metaphysik ist in einer ganz entsprechenden Weise der absolute Wert keine „bloße“ Idee, nicht bloß ein regulatives Prinzip, sondern eine absolute Wirklichkeit. Und das moralische Motiv ist nicht bloß ein subjektiver Beweggrund in dem Bewußtsein des Meta- physikers, es ist vielmehr eine objektive Größe, von der eine objekti- vierende Kraft ausgeht. Und diese Kraft bekundet und bewährt ihre Wirklichkeit und die Wirklichkeit ihrer Leistung in einer wagnis- reichen Durchbrechung der Erscheinungswelt und ihrer Ordnungen, in der metaphysischen Transponierung der Erscheinungen auf einen höheren, ihnen überlegenen Sinn, dessen Abglanz, dessen Nieder- schlag, dessen „Erscheinungen“ sie eben sind. Nicht für die positive Wissenschaft, nur für die Metaphysik, und nächst ihr dann für die Religion, sind die Erscheinungen eben nur „Erscheinungen“; für die positive Wissenschaft dagegen sind sie reale Gebilde schlechthin.