116 II. Von der Pflicht zur Metaphysik fassung ein Fragezeichen gesetzt werden muß? Die Metaphysik würde keine im wahren Sinne des Wortes philosophische Tat an den positiven Wissenschaften und für dieselben ausüben, wenn sie sich auf die doch immer nur äußerlich bleibende Handlung einer summierenden Zusammenstellung und eines Zusammenklebens der- jenigen Erkenntnisse beschränkte, die die konkrete Forschung in einem jahrhundertelangen Kampfe mit der Wirklichkeit erarbeitet hat. Wiederum darf man sagen, daß die Zuweisung einer derartigen Aufgabe an die Philosophie in dem Zeitalter der Herrschaft des Positivismus und Empirismus, also zur Zeit Wundts, vollauf ver- ständlich war. Denn damals waren alle geistigen Interessen so aus- schließlich auf die Erfassung von Tatsächlichkeiten und der empiri- schen Gesetze derselben eingestellt, und zwar eingestellt in einer eben ganz positivistisch-realistischen Bewußtseinshaltung, daß der Philosophie eine andere Betätigungsart, eine andere Existenz- und Berechtigungsform billigerweise nicht zugestanden werden konnte. In jenen Jahrzehnten war weniger der Sinn für die Spekulation abhanden gekommen, vielmehr waren das Recht und der Mut zur metaphysischen Konstruktion vor dem Andrang der positivistischen Gesinnung in Mißkredit geraten. — Wird der Metaphysik also nicht eine etwas untergeordnete Rolle und eine Art von Verlegenheitsdienst zugemutet, wenn ihr im Reiche des Geistes lediglich jene Leistung additiver Zusammenstellung Vorbehalten bleibt? Und es würde keine Besserung ihrer Stellung einschließen, wenn ihr etwa noch die Aufgabe zugewiesen wird, das Fazit der wissenschaftlichen Einzelarbeit zu ziehen. Es steckt doch ein tiefes und wohlbegründetes Recht der Philosophie in dem alten Gedanken, daß sie die Königin im Reiche der Wissenschaft sei. Ohne fade und gefährliche Überheblichkeit vermag sie diese Stellung auch fürderhin einzunehmen. Sie wird in dieser Lage die Wissen- schaften nicht als ihre Untertanen ansehen, sie wird ihr Feld nicht mit dem Schweiße der positiven Arbeit düngen, um selber in sorgloser Lässigkeit herrlich und in Freuden zu leben. Kein Umstand hat die traditionelle Machtstellung der Metaphysik vielleicht stärker erschüttert als der Argwohn, daß die Philosophie sich nur von den Früchten der Arbeit anderer ernähre und so ein bloßes Genußdasein führe, mithin einen entbehrlichen Luxus darstelle. Dieser Verdacht ist unberechtigt. In welchem Maße das der Fall ist, wird sofort klar, sobald wir uns von der positivistischen Auf- fassung und Beurteilungsweise, die der Philosophie widerfahren war,