114 II. Von der Pflicht zur Metaphysik wenn sie nicht in die Fundgrube der positiven Wissenschaft hinein- stiege und von hier aus das Fächerwerk ihrer Begriffskonstruktionen ausfüllte? Man muß diese Beziehung zwischen der Metaphysik und der positiven Forschung bereitwillig und unverhohlen zugeben und in der dauernden und uneingeschränkten Aufrechterhaltung dieses Ver- hältnisses einen nicht hoch genug zu schätzenden Gewinn für beide Teile erblicken. Trotzdem scheint mir die Beziehung zwischen dem metaphysischen Rationalismus und Idealismus auf der einen Seite und der konkreten Wissenschaft auf der anderen durch die Berück- sichtigung desjenigen Verhältnisses zwischen ihnen, von dem in dem unmittelbar vorangehenden Absatz die Rede war, noch nicht hin- länglich erschöpft. Der metaphysische Rationalismus steht in einer viel engeren Verknüpfung mit der positiven Forschung, als daß er diese erst um die Lieferung von Baumaterial für die reale Durch- führung seiner Synthesen, sozusagen um Fleisch für seine Begriffe, bitten müßte. Beschränkte sich sein Verhältnis zu ihnen auf diese Form, dann wäre er in der Tat nur ein Nachzügler auf ihrer Fahrt, und niemals wäre mit seinem pünktlichen Eintreffen sicher zu rech- nen. Ja, wann wäre ihm sein Eintreffen überhaupt zu genehmigen, und wann wäre es statthaft? Immer könnte von der positiven Forschung mit dem Hinweis darauf, daß sie gerade in einer besonders reichen Entwicklung begriffen sei, eine Hinausschiebung seiner An- kunft verlangt werden, wenn der immer naheliegende Mißerfolg einer vorschnellen Verallgemeinerung vermieden werden soll. Und wie ist angesichts der doch wahrhaft ungeheueren Ausbildung unserer Wissenschaften eine enzyklopädische Synthese durchführbar, der nicht als Schreckgespenst der Vorwurf oder der Verdacht im Rücken schwebt, daß sie wesentliche Züge der Einzelforschung unberück- sichtigt gelassen habe? Abgesehen von der enzyklopädischen Genialität des Aristoteles, so konnte auch noch Leibniz angesichts des Bestandes des konkreten Wissens seiner Zeit das Wagnis einer solchen enzyklopädischen Zusammenfassung unternehmen. Ihr Erfolg war nicht nur von ihrer Begabung, so hoch dieselbe auch immer gewertet werden mag, sondern nicht minder von dem im Verhältnis zu unserer Zeit nicht übermäßigen Reichtum der Wissen- schaft ihrer Tage abhängig. Ich erinnere aber an einen Denker wie Wilhelm Wundt, dem fraglos gleichfalls eine außerordentliche enzyklopädische Fähigkeit eigen war, und der diese Fähigkeit in den Dienst seines „Systems der Philosophie“ gestellt hat. Sie