4. Kritik dieser Einwände 99 gestalten, auch der wissenschaftlichen, wirkt diese Problematik der Metaphysik als eine schlechthin notwendige Bedingung ihrer Ent- stehung und ihres Hervortretens aus dem schöpferischen Urgrund der Dialektik des Logos. Die Problematik der Metaphysik und die Metaphysik des Problems haben den Geltungswert von Aprioritäten für alle Erscheinungen, für alle Werte und Werke der Kultur. Sollte sich nun darin, objektiv gesehen, nicht doch eine gewisse Überlegenheit der Metaphysik aussprechen? Welche andere Gestalt des Geistes kann mit ihr in bezug auf diese grundlegende apriorische Funktion in Wettbewerb treten? Ist nicht sogar die unvergleich- liche Macht der Religion durch diese Apriorität der Metaphysik unterbaut? Wie wäre die Religion möglich und wozu nötig, wenn die Einheit des Geistes nicht zu dialektischer Entzweiung käme, wenn die ewige Harmonie des Seins nicht einmal dem fruchtbaren Schicksal des Konfliktes, der gebotenen Dissonanz in Schuld und Sünde verfiele, und wenn daraus nicht die Sehnsucht nach heilender Erlösung hervorwachsen würde? Es gehört zu den niemals zu tilgen- den Paradoxien der Religion, daß das Heil, zu dem sie führen will, und das sie uns in tröstender Vorstellung aufleuchten läßt, zu seiner Möglichkeit und zur Erfüllung seiner in ihm ruhenden Aufgabe doch auch des Unheils, der Heillosigkeit, der dialektischen Unruhe, Auf- gerissenheit und Zerrissenheit bedarf. Wie könnte es überhaupt zu der Sehnsucht nach Erlösung kommen und zu dem Wunsche nach einer Heilung unserer Seele, wenn uns nicht einmal die Angst des Daseins umschnürte und das Leben nicht seine Bedrohtheit vor uns auftäte, wenn es sich nicht irgendwann und irgendwie einmal in seiner Furchtbarkeit als ,,Problem“ entschleierte? In den Tiefen des religiösen Lebens ist als eine seiner urmächtigen Voraussetzungen eine metaphysische Dialektik wirksam, die erlebt und verstanden sein will, ehe noch die Sehnsucht nach religiöser Erlösung wirksam werden kann. Und da die Synthese aller dialektischen Geistesbezüge die meta- physische Geisteshaltung ist und in der Metaphysik diese Synthese ihren begrifflichen Niederschlag findet, so hat die Metaphysik eine wahrhaft einzigartige Stellung inne, wie von der Religion, so auch von der Kunst unterschieden, welche letzteren nur auf Besonderungen der umfassenden Dialektik des Geistes, mit anderen Worten auf Spezialformen der Dialektik beruhen.------ Nachdem wir von der Dialektik der Metaphysik schon beinahe unzählige Male gesprochen haben, stehen wir nun vor der Aufgabe, 7*